Lofi-Engel

Mitleidslied für Trump

Ariel Pink, Freak vom Dienst, hat Mitleid mit Trump – und Songs für Madonna in der Schublade. Geht’s noch?

Foto: Eliot Lee Hazel

Es ist ein bisschen, als würde man versuchen, ein verrückt gewordenes Wiesel einzufangen. Immer, wenn man nach ihm greift und glaubt es fassen zu können, entwischt es und huscht ins nächste Gebüsch. So ungefähr fühlt es sich an, wenn man sich dem Multiinstrumentalisten Ariel Pink anzunähern versucht. Manchmal glaubt man, verstanden zu haben, was er tut, und ahnt den nächsten Schritt voraus, doch dann überrascht er mit einem listigen Täuschungsmanöver, schlägt einen Haken – kurzum: Man wird einfach nicht schlau aus ihm.
Das Verwirrspiel, das der Exzentriker treibt, erinnert ein bisschen an die Künstler der Postmoderne, die ja gerne auf Bekanntes Bezug nehmen, aber nur, um es zu zerstören und neu zusammenzusetzen. Alles ist doppelbödig und selbstironisch, von Anspielungen auf alles Mögliche durchsetzt und irgendwie bizarr. Hinzu kommt die Angst des Autors dieser Zeilen vor einem Interview, denn zu allem Überfluss kann der 40-jährige Ariel Marcus Rosenberg auch noch ein recht ungenießbarer Zeitgenosse sein, wie es heißt. Da ist es fast eine Erleichterung, dass Pink ausrichten lässt, gerade auf Reisen zu sein und ohnehin keine Zeit für Interviews zu haben.

 

Zurück ins Schlafzimmer
Um die Fährte des Kaliforniers aufzunehmen, hört man am besten in sein neuestes Werk hinein: „Dedicated To Bobby Jameson“. 14 Synthie-Pop-Songs, die so anachronistisch klingen, als hätte er sie zwischen 1965 und 1985 auf Kassette aufgenommen. Und tatsächlich handelt es sich hier um Home-Recordings, Ariel Pink kehrt damit sozusagen in sein Schlafzimmer zurück, wo er in den späten 90er-Jahren bereits mit einem Achtspur-Rekorder experimentierte, was ihm den Ruf eines LoFi-Pioniers einbrachte. Sein elftes Studioalbum führt uns ins mythenumrankte Westcoast-Universum enttäuschter Teenager-Träume („Bubblegum Dreams“), sinnlos vertändelter Wochenenden („Another Weekend“) und ­vergänglicher Romanzen („Feels Like Heaven“). Es ist gespickt mit originellen Einfällen und musikhistorischen Referenzen auf die Byrds, die Beach Boys, Suicide, The Cure und viele mehr. Stilistisch oszilliert die Platte zwischen Surfpop, Postpunk und Schmusenummer, kommt insgesamt aber melodischer und weniger schrullig daher als der Vorgänger „Pom Pom“, der noch mit Pferdewiehern, Froschquaken und Ziegengemecker irritierte.

Wie der Titel des Albums erahnen lässt, widmet sich Ariel Pink dem Schicksal des Folksängers Bobby Jameson, der wie er selbst aus Los Angeles stammte. Es ist die Geschichte eines tragisch Erfolglosen, der sich in den 60er-Jahren durchaus berechtigte Hoffnungen auf eine große Karriere machte, dann allerdings in Vergessenheit geriet – jahrzehntelang hielt man ihn schlichtweg für tot. Immer wieder versuchte er, sich das Leben zu nehmen, stopfte sich mit Drogen voll, konnte sich mit seinem Scheitern nicht abfinden. Das jedenfalls bezeugen die verbitterten Blogeinträge und YouTube-Schimpftiraden, die er viel später veröffentlichte und in denen er gegen die Musikindustrie wetterte.

 

Ruhm, Aufmerksamkeit und Liebe
„Ich kann mich in vielerlei Hinsicht mit ihm identifizieren“, sagte Ariel Pink der amerikanischen Musikpresse, „auch ich hätte ein Bobby Jameson sein können.“ Wie der 2015 verstorbene Singer-Songwriter habe er sich Ruhm, Liebe und Aufmerksamkeit gewünscht, genau das sei lange der entscheidende Antrieb für ihn gewesen. Doch im Unterschied zu Jameson wurde seine Sehnsucht erfüllt, spätestens Ende der Nuller Jahre, als ihn die Kritiker mit Lob überhäuften und seine Single „Round and Round“ vom US-amerikanischen Musikmagazin Pitchfork zur besten Aufnahme des Jahres 2010 auserkoren wurde. Das habe ihn gewissermaßen von der Ruhmsucht geheilt. „Kunst ist eine seltsame Therapie“, sagt er. „Man muss Kunst machen, um sie nicht mehr machen zu müssen.“

Man könnte nun denken, Pink habe eben ein Herz für die Verlierer, für die Ausgestoßenen und Marginalisierten, für Typen wie Jameson, mit denen sonst eigentlich keiner mehr reden will, aber das wäre wieder zu einfach. Denn zugleich schlägt sein Herz für Donald Trump, aus einem völlig anderen Grund allerdings: „Ich glaube, es gibt kaum jemanden, der so sehr gehasst wird“, erklärte er in einem Interview mit dem Internet-Portal Stereogum. Dabei habe er doch nur großen Erfolg gehabt in seinem Leben, so Pink. Seine Apologie des US-Präsidenten folgt einer wirren Logik, nach der Trump ein Opfer fieser Hasskampagnen ist, angestoßen von Neidern, die ihm seinen Erfolg missgönnen. Eine eigenartige Solidaritätsgeste, die sich wohl nur damit erklären lässt, dass sich Ariel Pink selbst schon des Öfteren schlecht behandelt gefühlt hat von den bösen, bösen Medien.

Zwischenzeitlich galt er als der „meistgehasste Mann des Indie-Rock“: Nachdem er Madonna eine Abwärtsspirale attestierte und sich selbst als ihren neuen Songschreiber ins Spiel brachte, warf ihm die kanadische Sängerin Grimes Misogynie vor. Der anschließende Shitstorm machte Pink offenbar schwer zu schaffen. Auf Twitter antwortete er pampig, er liebe Grimes, er liebe Frauen, er liebe seine Fans, er liebe auch diejenigen, die ihn hassen, er liebe sein Leben. Nun ja. Wegen solcher Seltsamkeiten nennen ihn manche „Freak vom Dienst“, er selbst sagt über sich: „It’s easy for me to be weird“. Und das ist möglicherweise schon alles, was man mit Gewissheit über ihn sagen kann.

 

Festsaal Kreuzberg, Am Flutgraben 2, Treptow, Mo 6.8., 20 Uhr, VVK 25,90 €

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