Kommentar

„Tanzverbot“ von Stefan Hochgesand

Kürzlich in der Philharmonie:  Ein  junger Mann umklammert einen alten Mann. Er umarmt dessen Taille

Stefan Hochgesand

Sie laufen, sehr, sehr langsam – auf die Bühne hoch. Jeder Schildkrötentemposchritt ein Balanceakt. Der alte Mann ist Vladimir Ashkenazy, Dirigent, 80 Jahre alt und fünffacher Grammy-Preisträger. Der junge Mann ist Nobuyuki Tsujii, 28, Pianist und von Geburt an blind.
Und dann, als die DSO-Violinen unter Ashkenazy einsetzen zu Chopins 2. Klavierkonzert, geschieht etwas Wundervolles: Tsujii, der eben noch kaum einen Fuß vor den anderen bekommen hat, tanzt. Er tanzt auf seiner Klavierbank. Er tanzt, als ob es kein morgen gäbe, nicht mal ein Publikum. 2.000 Leute schauen ihn an. Aber er tanzt, im Sitzen zwar, doch der Oberkörper geht ab wie … kein Vergleich! Er ist bei sich und der Musik.
Wie ich ihn beneide! Was in der Philharmonie geht, geht in Pop-Konzert-Locations oft gefühlt nicht. Gefühlt herrscht da an vielen Orten Tanzverbot während Konzerten. Obwohl man meinen sollte, dass Musik Menschen zum Tanzen bringt. Zumal, wenn diese Menschen diese Musik lieben. Aber dem ist oft nicht so. Am ehesten noch bei Rap und Grime; da brodelt das Haus meist über vor Tanzenergie. Schon bei Electro ist die Stimmung oft gediegener, obwohl die Leute bei gleichen Stücken im Club abtanzen würden. Von Pop gar nicht erst zu reden. Warum eigentlich? Ich mag diese Blicke nicht, die meinen: „Bleib mal still wie im Sarg.“  Schlafen können wir, wenn wir tot sind. Alors: on danse.

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