Rave-Kultur

Berliner Techno-Geschichte

Schlechte News für politische Raver: Die Techno-Demo Zug der Liebe soll in diesem Jahr zum vorerst letzten Mal stattfinden. Gibt es doch noch Hoffnung? Und was können die Macher des Umzugs aus den Fehlern im Umgang mit der Loveparade lernen? Unser Autor Jürgen Laarmann, einst selbst Mitveranstalter der Loveparade, forscht nach

Foto: Jens Schwan

Der Zug der Liebe will sie alle lieben: Von Obdachlosenhelfer bis Gentrifizierungsgegner holen die Veranstalter der Rave-Demo alle ins Boot, die ein gemeinnütziges Anliegen haben. Ein hehres Ziel in unseren kalten Zeiten. Doch nun das: Vor wenigen Tagen verkündeten die Organisatoren, dass die seit 2015 stattfindende Technoparade am 25. August zum vorerst letzten Mal stattfinden soll. Dem Zug der Liebe droht Liebesentzug.

Man fühlt sich ein wenig an Loveparade-Zeiten erinnert, denn vor der unseligen Abwanderung des Techno-Umzugs in den Ruhrpott gab es in den Nullerjahren ähnliche Diskussionen. Grund für die aktuelle Debatte ist mal wieder das liebe Geld. In diesem Fall geht es aber nicht um Millionenbeträge für die Müllbeseitigung, sondern um eine einzelne Planstelle für die Organisatoren, wie Pressesprecher Jens Schwan auf Nachfrage einräumt. Bisher organisierten er und ein kleines Team den Zug der Liebe völlig unentgeltlich und ehrenamtlich in ihrer Freizeit. Je nach Wetterlage zogen sie bislang bis zu 50.000 Teilnehmer pro Parade an.

Mit ihrem Slogan „Für eine bessere Welt – für mehr Menschlichkeit und Nächstenliebe“ hat der Zug der Liebe nicht die Probleme der Loveparade, den Demonstrationsstatus für seinen Umzug zu erlangen. Und dieser Status ist ein Knackpunkt, schließlich führt er dazu, dass die öffentliche Hand für die anfallenden Kosten wie Sicherheit oder die Beseitigung aller Abfälle aufkommt. Da Letzteres bei der Loveparade eine Millionensumme ausmachte, gilt die Aberkennung des Demo-Status bis heute als Hauptgrund für das Scheitern der Loveparade – und für ihre Abwanderung aus Berlin.
Die Kriterien für eine ordentliche Demonstration hat der Zug der Liebe gewissermaßen übererfüllt. Jeder teilnehmende Club unterstützt einen gemeinnützigen, zumindest aber mildtätigen Verein, der ebenfalls Gelegenheit erhält, sich auf dem Zug der Liebe zu präsentieren. Dieser will mit ein Zeichen für „Toleranz, Nächstenliebe und bürgerliches Engagement“ setzen.

Begünstigt sind unter anderem Vereine wie eben die Obdachlosenhilfe, die Tiertafel e.V., die Clubcommission oder Aias, ein Verein, der Aufmerksamkeit für das Thema Blutkrebs schaffen will. Die Anliegen des Zugs der Liebe sind zum Beispiel Engagements für „Leben statt Hauptstadtwahn, ohne Armut und Gentrifizierung“, „eine kulturorientierte Senats­politik“, „ein tolerantes Zusammenleben ohne AfD und Pegida“, „eine menschliche Lösung der europäischen Flüchtlingsproblematik“ oder auch „für den Erhalt von Grünflächen in Berlin“.

„Menschen, die nur auf einfache Schlagworte reagieren, könnten überfordert sein. Wenn es um das Anliegen für eine bessere Welt geht, dann gibt es nicht ein zentrales Anliegen, sondern viele Aspekte“, sagt Pressesprecher Jens Schwan. „In den letzten Jahren hatten wir ja immer ein Schlagwort wie ‚Gegen Pegida‘, ‚Gegen AfD‘ oder ‚Für Presse- und Meinungsfreiheit‘, diesmal haben wir kein zentrales Motto. All diese Aspekte standen aber schon immer auf unserer Homepage.“

Wegen der strikten Vorgabe, dass das Sponsoring der Parade und Wagen durch Markenartikler verboten ist, fehlt indes eine wichtige Einnahmequelle, die wiederum die Loveparade zumindest die ersten Jahre über Wasser hielt.

Ende Juli in Berlin Mitte. In den Hastings-Tonstudios, wo mein Podcast „1000 Tage Techno“ aufgezeichnet wird, treffen sich zum allerersten Mal Dr. Motte, seines Zeichens Urvater der Loveparade und Gallionsfigur der stilbildenden Liebesparaden der 90er, mit der nächsten Generation der Paraden-Organisatoren: Jens Schwan und Martin Hüttmann vom Zug der Liebe. Letzterer war schon in den 90ern zunächst Loveparade-Fan, dann aber vom Trubel und Kommerz der Veranstaltung nicht mehr so begeistert. Später sollte er für die Gegenveranstaltung zur Loveparade tätig werden, die zuerst Hate- und später Fuckparade hieß und mit harter Gabber-Musik schon rein akustisch einen Kontrapunkt setzte.

Einig waren sich die Paradenmacher darüber, dass das Organisieren von Straßenumzügen mit Technomusik eine Herkulesaufgabe ist, die sich auch aufs Privatleben auswirkt.

Weniger Einigkeit herrscht bei der Frage, ob es die Loveparade mit einem echten politischen Anliegen, möglicherweise nach Vorbild des Zugs der Liebe, heute noch geben würde. Immerhin räumt Dr. Motte ein, dass es womöglich schlauer gewesen wäre, mit einem politischen Slogan gegenzusteuern statt Öffentlichkeit und Kritiker mit Motti wie „Let the Sun Shine in Your Heart“ zu provozieren. Der Sachverhalt, dass eine Million Menschen friedlich gemeinsam feiert und tanzt, sei jedoch per se ein politischer Akt.

Wie dieser nun eingeschätzt wird, bleibt heute – fast 20 Jahre nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das da anderer Meinung war – so umstritten wie damals.
Ganz pragmatisch äußert sich dazu Westbam, der einzige DJ, der auf fast allen Loveparades aufgelegt hatte: „Im Grunde ist es unfassbar, dass Berlin nicht mehr dafür getan hat, die Veranstaltung in der Stadt zu behalten – es ist ungefähr so, als ob Rio de Janeiro seinem Karneval so viele Vorschriften machen würde, dass er nicht mehr stattfinden könnte oder abwandert.“
Sicher ist: Hätte die Stadt einen Teil der Kosten übernommen, wäre die Loveparade in Berlin geblieben und Berlin hätte die Ausgaben um ein Vielfaches mit den Einnahmen der Gäste refinanziert. Doch die Loveparade ist Geschichte – der Zug der Liebe hingegen hochaktuell. Soll nun also wieder eine ebenso sympathische wie für viele Leute attraktive Parade verschwinden? Oder sind die Macher des Zugs der Liebe an einem eventuellen Scheitern selbst schuld, weil sie nicht alle der heutigen Möglichkeiten in Anspruch genommen haben: etwa Crowdfunding oder eine Gebühr für alle teilnehmenden Clubs und Organisationen? Kürzlich sagte Zug-der-Liebe-Initiator Martin Hüttmann jedenfalls der „Morgenpost“, die Entscheidung über das Ende der Parade sei „endgültig“.

Das ganze Gespräch zwischen Dr. Motte, Jens Schwan und Martin Hüttmann vom Zug der Liebe gibt es auf 1000tagetechno.de, dem Podcast unseres Autors Jürgen Laarmann, von 1991 bis 1997 selbst Mitveranstalter der Loveparade. Auch zu hören auf iTunes, Spotify, Deezer.

www.1000tagetechno.de

Zug der Liebe: Sa 25.8., Start: 13 Uhr, Sowjetisches Ehrenmal, Treptower Park

Fuckparade: Sa 1.9., weitere Infos folgen hier

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