Burlesque & Fantaisie Lyrique

Teeparty, grotesk

Die Animations-Gruppe 1927 wagt sich an einen Doppelabend aus Strawinskys „Petruschka“ und Ravels „L’enfant et les sortilèges“

Foto: Jan Windszus Photography
Foto: Jan Windszus Photography

Wir wollen off bleiben!“, sagt Suzanne Andrade, Kopf der Theatergruppe 1927. Die Gruppe habe „reihenweise“ Angebote etablierter Häuser erhalten und sie abgelehnt. Man möge die Idee nicht, „besessen zu werden“.
Die 2005 gemeinsam mit dem Animator und Illustrator Paul Barritt gegründete Truppe war nur Insidern bekannt, als sie von Barrie Kosky 2012 für die Neuinszenierung der „Zauberflöte“ an der Komischen Oper entdeckt wurden. Vielfach, etwa nach Los Angeles, wurde die Erfolgsproduktion weiterverkauft. Doch die Komische Oper bleibt das exklusiv einzige große Haus, an dem die Gruppe arbeitet und jetzt ihre zweite große Arbeit vorlegt.

Der Sensationserfolg der „Zauberflöte“ bestand darin, dass Mozarts Rätseloper in einen Trickfilm voll blutiger Herzen, Buster Keaton-Charaktere und einer Königin der Nacht als Spinne verwandelt wird. Die Sänger treten live aus dem Film heraus, indem sich kleine Wetterhaus-Klappen in der Riesenleinwand öffnen. Der Rhythmus ist strikt vorgegeben, sodass dem Dirigenten wenig übrig bleibt als dem rasenden Bilder-Tempo punktgenau zu folgen. Die Partystimmung, die bei der Premie­re das Haus ergriff, war der große Durchbruch für Barrie Kosky.

Für das Ballett „Petruschka“ arbeitet die Gruppe jetzt erstmals mit Zirkusakteuren zusammen, die man aus ganz Europa zusammengecastet hat. Angesichts der eher grotesken, bizarren Bildersprache sind Roncalli-Aspekte eher unwahrscheinlich. Auch steht hier kein „Cirque du Soleil“-Verschnitt ins Haus. Tanz freilich auch nicht. In Ravels Kurzoper „L’enfant et les sortilèges“ („Das Kind und der Zauberspuk“) geht es um ein zerstörungswütig unwirrsches Kind, an dem sich Teekanne, Uhr und Sessel rächen. Man wird das sonst fast uninszenierbare Stück (nach einem Libretto der französischen Schriftstellerin und Varietékünstlerin Colette) vielleicht erstmals verstehen können. Beide Werke dirigiert recht prominent: Markus Poschner.

Die Mitglieder von 1927 leiten sich aus einer Vaudeville- und Trickfilm-Tradition her. Für sie war die Berliner Animations-Pionierin Lotte Reiniger wichtig. Kosky entdeckte die Truppe durch einen Hinweis auf ihre (international erfolgreiche) Debüt-Produktion „The Devil and the Deep Blue Sea“ (Sydney 2010). Trotz der Zugänglichkeit ihres Theaters für Kinder beanspruchen Suzanne Andrade und Paul Barritt – privat kein Paar –  kein Jugendtheater-Image für sich. Allerdings: „Ich habe das Vertrauen in Erwachsene verloren“, gibt Andrade gutgelaunt zu.

Eigentlich wollten sie überhaupt nie Oper machen. Und nach dem Erfolg der Zauberflöte nie wieder. „Und da sind wir!“, lacht Andrade. Diesmal, bei „Petruschka/L’enfant“, sitzt nicht Barrie Kosky als Co-Regisseur neben ihr. Warum auch? „Barrie wusste, wo er sich zurückhalten muss“, lobt Andrade die Tatsache, dass schon „Die Zauberflöte“ ein vollgültiger, echter 1927-Abend war. Die Entdeckung von 1927, wohin immer sie noch führen mag, gehört schon jetzt zu den bemerkenswerten Leistungen der Ära Kosky.

Komische Oper Sa 28.1., 19.30 Uhr, Sa 4.2., 19.30 Uhr, Mi 8.2., 19.30 Uhr, So 19.2., 16 Uhr, Eintritt 12–79 €

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