Interview

The Residents spielen in Berlin: Anonymität bedeutet Freiheit!

Seit über 40 Jahren sind die Residents ein Solitär in der globalen Musiklandschaft: Eine schräge Rock’n’Roll-Band, deren Identität nicht bekannt ist, radikale Performance- und Konzeptkünstler und avantgardistische Medienpioniere zugleich. Wir sprachen mit Homer Flynn über Gerüchte, Mystifizierung, künstliche Intelligenz und „In Between Dreams“, das neue Programm der Band

Herr Flynn, Sie sind Sprecher der Residents und Manager der Cryptic Corp., des Unternehmens hinter der Band. Ihr Name taucht etwa seit Mitte der 1970er-Jahre zum ersten Mal auf. An der Gründung 1969 waren Sie noch nicht beteiligt?

Offiziell markieren die Residents ihre Gründung 1972 mit der Veröffentlichung der Doppel-Single „Santa Dog“, obwohl es vor dieser Zeit schon lockere Zugehörigkeiten und musikalische Experimente gab. Mein Hintergrund ist Grafik und ich habe mich frühzeitig mit dem Artwork der Band befasst, war aber bis zur Gründung von The Cryptic Corp. im Jahr 1976 nicht formell involviert.

Wie sieht Ihr Arbeitstag als Manager von Cryptic Corp. aus?

Einen regulären Arbeitstag habe ich nicht. Meine Arbeit besteht hauptsächlich aus grafischer und organisatorischer Arbeit für die Band. The Cryptic Corp. kontrolliert den gesamten Musikkatalog der Residents, der sehr umfangreich ist. Jetzt, da das Label Cherry Red Records Eigentümer von Cryptic Corp. ist, haben sie eine ehrgeizige Reissue-Serie mit allen Titeln begonnen und ich bin daran beteiligt. Außerdem beaufsichtige ich den Bau eines neuen Studios und die Crowdfunding-Kampagne „I am a Resident“, mit der die anstehenden Tourneen finanziert werden sollen.

Es gibt Gerüchte, dass Sie selbst auch ein Bandmitglied sind.

Es gibt den Spruch: „Die Natur verabscheut ein Vakuum“, und ich denke, das trifft zu. Die Anonymität der Residents hat ein Vakuum erzeugt und die Menschen dazu gezwungen, diese Leere mit etwas zu füllen. Seit ich ein öffentliches Gesicht der Band geworden bin, ist das, was das die Leere füllt, oft ich. Die Residents finden das amüsant.

Wie wichtig sind die Mystifizierung und Anonymität noch für die Residents?

Die Anonymität selbst ist nicht wichtig, aber sie gibt der Band die Möglichkeit, frei zu kreieren – und das stellen die Residents über das Individuum und über Berühmtheit. Das ist entscheidend für das Konzept der Residents. Inzwischen macht das Geheimnis aber auch großen Spaß.

Denken Sie, dass der menschliche Popstar und damit das Individuum im digitalen Zeitalter auf lange Sicht verschwinden und durch künstliche Intelligenz, Hologramme oder Avatare ersetzt werden?

Als der Sampler üblich wurde, entstand auch das Gefühl, dass Musiker bald durch diese Geräte ersetzt werden würden. Wenn das Drücken einer Taste genau den Klang einer Violine oder Trompete erzeugen konnte, warum sollten man dann noch lernen, diese veralteten Instrumente zu spielen? Aber als die Residents etwa die Musikalität des Gitarristen Philip Charles Lithman alias Snakefinger beobachteten und bewunderten, verschwand diese Sorge mit der Erkenntnis, dass Phillips einzigartige Fähigkeit niemals durch einen Computer ersetzt werden konnte. Ich persönlich glaube nicht, dass die Kunstfertigkeit wahrhaft begabter Menschen jemals durch künstliche Intelligenz ersetzt wird.

Die Residents wurden immer als konzeptuelles Kunstprojekt, Performancegruppe und avantgardistische Medienpioniere wahrgenommen. Aber kürzlich haben Sie gesagt: „Die Residents sind im digitalen Zeitalter wahrscheinlich etwas konservativer geworden“. Wie passt das zusammen?

Ein gewisser Konservatismus ist dem Alterungsprozess eigen. Wenn ein Künstler weiter wächst, wie er sollte, dann weichen die unberechenbaren und flüchtigen Veränderungen und Experimente der Jugend letztendlich dem Prozess der Destillation der eigenen Essenz. Das ist eine natürliche Konsequenz des Lebens und hat nichts mit dem digitalen Zeitalter zu tun.

Das neue Programm der Residents heißt „In Between Dreams“, darin wollen Sie Ihr „Publikum dazu einladen, in ein Land der Träume zu entfliehen“. Entfliehen vor was und wohin?

Das Leben ist oft trostlos. Die Konsumkultur bietet viele Fluchtmöglichkeiten, aber das meiste davon ist hirnloser, vorverpackter Marketing-Brei, der sich als Fantasie verkleidet und gleichzeitig die Kassen multinationaler Großkonzerne füllt. Die Residents haben, wie jeder andere auch, Rechnungen zu bezahlen, aber darüber hinaus haben sie kein großes Interesse an Geld. Folglich sind sie frei, Träume zu verfolgen, zu schaffen und zu ermöglichen. Auf der Tour wird es vor allem auf Träumen basierende Songs aus dem Katalog geben, unterbrochen von kurzen Videos, in denen etwa der ehemalige Präsident Nixon davon träumt, er sei ein Blues-Sänger, und John Wayne davon, eine Ballerina zu sein.

Das neue Album „The Ghost of Hope“ beschäftigt sich wiederum mit Zügen, ist aber eher eine Diskussion über Technologie und Gesellschaft. Keine Träume, sondern harte Realität?

Da sich der technische Fortschritt weiter beschleunigt, denke ich, dass wir in eine negative Richtung gehen. Aber als Optimist glaube ich, dass die außer Kontrolle geratene Technologie das menschliche Wachstum auf unglaublich faszinierende und unberechenbare Weise stimulieren wird.

Sie setzen Ihre Hoffnung in die Technologie?  

Für mich ist Technik weder gut noch schlecht. Sie ist das, was wir mit ihr machen. Technologie wird uns nicht retten und es wird Herausforderungen geben, denen wir uns stellen müssen, aber ich bin zuversichtlich, dass dies letztendlich geschehen wird.

The Residents Columbia Theater, Columbiadamm 9-11, Kreuzberg, Do 16.11., 20 Uhr, VVK: 28 Euro

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