Konzerte & Party

Thees Uhlmann und die Magie von Berlin

Thees Uhlmann

Die Fashion Week in Berlin-Mitte ist nicht zu übersehen. Erst recht nicht auf der Torstraße. Thees Uhlmann sitzt in einer Ecke des Cafй St. Oberholz am Rosenthaler Platz  – und wirkt arg deplatziert zwischen all den Macs und Macchiatos. Gerne nimmt er das Angebot an, sich lieber bei einem Spaziergang zu unterhalten. Er selbst wohne im Bergmann-Kiez, sei aber fast nur unterwegs. Nicht nur wegen der Musik, sondern auch, weil er oft seine Heimat Hemmoor in Cuxhaven besucht. Auch nach sieben Jahren fühlt er sich noch nicht als Berliner. „Eine tolle Stadt, sie hat mir viel gegeben, mir viel Inspiration geschenkt – aber sie ist nicht mein Zuhause“, sagt der ewig jungenhaft Wirkende.
Thees UhlmannAuf seinem selbst betitelten Solodebüt hat sich Thees Uhlmann nicht so neu erfunden, wie es einige erwartet hatten: Spring­steen ist allgegenwärtig, es ist großspurig instrumentiert, textlich bietet es wieder den Uhlmann’schen Pathos zwischen Bonmot und Oberstufenlyrik. Es könnte auch ein Tomte-Album sein, aber es ist die Soloplatte eines Sängers, der anscheinend eine Rückbesinnung verspürt: „Viele Leute meiner Generation, die nach Berlin gekommen sind, sagen jetzt, dass sie doch wieder nach Hause wollen. Ich kann das nachvollziehen, verbringe mit meiner vierjährigen Tochter gerne Zeit in Hemmoor. Dem Ort, aus dem ich mit 22 Jahren unbedingt wegwollte.“ Uhlmann sitzt auf einer Parkbank, trinkt Mineralwasser und raucht. Für sein Solodebüt hat er eine neue Band rekrutiert, produziert wurde es von Tobias Kuhn (Monta) – aber nicht in Berlin, sondern auf dem Land, weit weg von der Metropole. „Ich als Dorftrottel nehme Berlin immer noch als eine heftige Stadt wahr – da stehen manchmal Leute auf der Straße und kläffen sich wie zwei Köter wegen Nichtigkeiten an.“ Das war vielleicht schon immer so, manches war aber mal anders. Der gebürtige Niedersachse erinnert sich: „Ich hatte früher mal mein Büro in der Sanderstraße. Da gab’s dort kaum was. Drei Jahre später steht jetzt dieselbe Straße in jedem Reiseführer und hier werden plötzlich Fahrräder verkauft, die über 1.500 Euro kosten.“
Trotzdem, auf die Gentrifizierung möchte Thees nicht schimpfen, für die Verteidigung des Kiezes will er nicht an die Front. „Die Thees UhlmannTypen, die gegen Schwaben hetzen, sind nur zwei Jahre früher nach Berlin gezogen und machen jetzt auf dick.“ Dass es Menschen aus allen Ländern nach Berlin zieht, findet er gut. „Tausende Twen-Touristen machen Party und nerven vielleicht auch ein bisschen. Aber das ist nur die eine Seite. Auf der anderen fahren sie nämlich mit einem positiven liberalen Bild von der Stadt und von Deutschland nach Hause. Die finden es toll, dass sie mal ein Bier auf der Straße trinken können, ohne dass gleich ein Krieg ausbricht.“ Überhaupt kann der Spalter des Indietums – man schätzt ihn oder nicht, aber nichts dazwischen – die Magie der Stadt immer noch nachvollziehen. Zumindest für jüngere Generationen. „Um sich auszuprobieren, ohne vor große Probleme gestellt zu werden, ist Berlin die richtige Stadt. Wie gemacht für Leute, die von der Pubertät verwirrt sind.“ Die Torstraße gleicht im Juli einem Laufsteg – und Thees Uhlmann wirkt auf ihm irgendwie verloren, fast ein bisschen verunsichert durch die internationale Hipness. „Ich mache ja auch keine Großstadtmusik, dafür ist sie zu wenig modern.“ Uhlmann fährt übrigens U-Bahn, ist schon auf halber Treppe. Das Bild würde in seinen Songs als Metapher für einen Abschied taugen – denn in Berlin wird er niemals so ganz ankommen.

Text: Jan Schimmang

Thees Uhlmann wurde 1974 in Hemmoor (Niedersachsen) geboren, brach sein Lehrerstudium ab, wurde vom Punk musikalisch geprägt und veröffentlichte mit seiner Band Tomte 1998 das Debütalbum „Du weißt, was ich meine“. Zehn Jahre später erschien mit „Heureka“ ihr fünftes Album. Die Band pausiert zurzeit. Bereits 2002 hat Uhlmann gemeinsam mit Reimer Bustorff und Marcus Wiebusch (jeweils Kettcar) das Label Grand Hotel van Cleef gegründet, auf dem jetzt sein selbst betiteltes
Solodebüt erschienen ist.

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