Konzerte & Party

These New Puritans im Hau 2

DeRidderAndrй de Ridder sitzt in einem Cafй in Schöneberg. Gerade ist der Berliner von einem Konzertgastspiel zurückgekehrt, hat am Pult der Jenaer Philharmonie Schostakowitsch dirigiert. Der 39-Jährige arbeitet seit Jahren als freier Dirigent, mit internationalen Orchestern wie der Britten Sinfonia Cambridge oder dem Hamburger Ensemble Resonanz. Was es an neuen Strömungen so gibt, verfolgt der Mann mit der John Lennon-Brille aufmerksam. Gleichzeitig hat er nie aufgehört, sich mit Indie-Rock und Punk zu beschäftigen. In den letzten Jahren hat er festgestellt: „Inzwischen passiert an aufregender neuer Musik mehr im Pop-Bereich als in der herkömmlichen zeitgenössischen Musik.“

Zu dieser Einschätzung brachte ihn nicht zuletzt seine Zusammenarbeit mit Damon Albarn, Kopf der Gorillaz und Blur. Der suchte 2007 einen Dirigenten für seine Oper „Monkey: Journey To The West“ im Auftrag des Manchester International Festivals. Dort wählte man die Nummer des jungen Deutschen. Auch für das aktuelle Gorillaz-Album „Plastic Beach“ steuerte der Berliner Orchester-Arrangements bei. Albarn ist nicht der einzige, der de Ridder gern ins Boot holt, wenn es darum geht, klassische Klänge in Popmusik einzubinden. Demnächst steht die Zusammenarbeit mit Multiinstrumentalist Owen Pallett, Tyondai Braxton von den Battles sowie mit Mouse On Mars für die Philharmonie Köln an. Keines dieser Cross­over-Konzepte hat etwas zu tun mit schwülstigen „Classic meets Pop“-Abenden, in denen Rockveteranen mit Tournee-Orchester und Greatest-Hits-Programm durch die Hallen ziehen.

puritans„Entscheidend ist, dass das klassische Instrumentarium von Anfang an Teil des Konzepts ist, und nicht, dass Songs im Nachhinein symphonisch aufgeblasen werden“, betont de Ridder, „Arcade Fire sind etwa ein positives Beispiel, bei denen ein paar Streicher und Bläser fest zur Band gehören. Wichtig ist auch, dass die Musiker in der Lage sind, ihre Arrangements selbst zu machen, wie zum Beispiel Owen Pallett.“ Als dem Dirigenten und Komponisten im vergangenen Jahr das zweite Album von These New Puritans in die Hände fiel, „Hidden“, gefiel ihm sofort die selbstbewusste Art, wie das blutjunge Trio darauf Gegensätzliches verkuppelt: Übersteuerte Synth-Bässe treffen auf mahnende Mädchenchöre, harte Drum-Beats auf die japanische Taiko-Trommel, dazu kommen zentrale Bläser-Arrangements, die mitunter so dramatisch klingen, wie einer Wagner-Ouvertüre abgelauscht. So disparat die Quellen, so dicht hängt der Songreigen doch zusammen. Als de Ridder Kontakt aufnahm zu Bandleader Jack Barnett, freute der sich über „perfektes Timing“: Schon länger hatte der 22-Jährige gegrübelt, wie man den sinfonischen Breitwandsound von „Hidden“ stimmig live umsetzen könne.

Imponierend findet de Ridder, wie intuitiv Jack Barnett insbesondere Blasinstrumente einzusetzen versteht, ohne dazu klassische Musik studiert zu haben, wie zügig sich der Songwriter das Notenschreiben selbst beibrachte. Als das gattungsübergreifende Ensemble „Hidden“ kürzlich im ehrwürdigen Londoner Barbican aufführte, erntete es Ovationen, der Guardian pries das Werk als „modernen Klassiker“. Mit einem Klassik-Abend freilich wird der Auftritt der These New Puritans jetzt im HAU nicht zu verwechseln sein. Dazu sind die Beats zu gewaltig, Barnetts Gesang zu jugendlich-verwundbar, die Keyboards oft krachig-verzerrt. Zwischendurch hört man auch mal ein eigentümlich organisches Patschen: ein Hammer, der eine Wassermelone zertrümmert. Es ist wohl die erste Melone, die zusammen mit Fagotten und Klarinetten erklingt.

Text: Ulrike Rechel

Foto: Marco Borggreve (Andrй de Ridder), Dean Chalkley (Band)

These New Puritans & Stargaze Ensemble & kinderchor des arndt-gymnasiums Hebbel am Ufer (HAU2), Mo 6.12., 20 Uhr,
VVK: 24,70 Ђ

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