Konzerte & Party

Tobias Jundt von Bonaparte im Gespräch

tobias_jundt_c_melissa_hosteltlerIm Song „Quarantine“ auf dem neuen Album singst du: „I’ve made one mistake in my life, I should have burned Berlin down.!“ Warum möchtest du Berlin niederbrennen, magst du die Stadt nicht mehr??
Das möchtet ihr als Berliner Stadtmagazin natürlich gerne wissen, nicht wahr?

Na klar. Denn immerhin lebst du seit 2006 hier, in der Bar25 hast du mit Bonaparte deine ersten Erfolge gefeiert, hier hast du ja auch dein Studio. Und jetzt willst du alles niederbrennen?
Mit Berlin hat mich schon immer so eine Art Hassliebe verbunden. Der Satz stammt ja vom Namensgeber unserer Band. Und weil ich gerade so mit Berlin hadere, war dieses Zitat von Napoleon Bonaparte einfach perfekt. Irgendwie liebe ich die Stadt: Ich komme hier nicht weg und will das auch gar nicht wirklich. Aber oft möchte ich die Stadt einfach in Schutt und Asche legen.

Warum?
Das Wetter ist meistens scheiße. Und die halbe Stadt ist abverkauft. Viele Orte, die ich sehr mochte, sind weg. Zum Beispiel die Bar25. Oder die Fabriketage, in der wir von Bonaparte alle zusammen gelebt haben, in der wir unser erstes Album geschrieben haben. Wenn man irgendwo einen Platz verloren hat, dann muss man eben wieder einen neuen finden.

Auf dem neuen Album geht es genau da­rum: Es geht um Abschied, um Aufbruch und um Sehnsucht. An einigen Stellen klingt es fast ein bisschen depressiv.

Ehrlich? Das hoffe ich nicht! Eigentlich bin ich ein sehr positiver Mensch.

Du singst von sinkenden Schiffen, von Drogen, deren Wirkung nachlässt, von einem Lächeln, das eingefroren ist, von Kommunikation ohne Inhalt, von der Unsicherheit, nicht zu wissen, wo es langgeht.  
Das dritte Album ist immer schwierig, die ersten beiden Alben kamen einfach aus dem Leben heraus. Ich habe über die Welt geschrieben, die um mich herum war. Eigentlich hatte ich alles gesagt. Dann war ich monatelang mit der Band auf Tour, wir haben unzählige Shows gespielt. Manchmal wussten wir nicht mehr, in welcher Stadt wir gerade sind. Das Thema der neuen Platte konnte ja nur diese Reise mit der Band sein, das Unterwegssein als Künstler. Über was sonst hätte ich schreiben können? Über stinkende Backstage-Räume? Nein, es galt, das Künstlerdasein als Reise zu entdecken: Wir sind unterwegs, ohne zu wissen, wohin alles führt. Wir wissen nur, dass wir nicht zurückkönnen und dass wir auf offener See sind. Das neue Album ist eine Schiffsreise auf der HMS Bonaparte, ein sehr emotionales Album. Dabei geht es in viel tiefere Abgründe, aber auch in schönere Höhen als vorher.

Was sind das für Abgründe?
Ich wusste schon als Kind, dass ich Künstler sein will. Das gilt für uns alle bei Bonaparte. Uns war schon immer klar, dass wir singen, musizieren und tanzen wollen. Aber als Künstler zu leben ist schwierig. Die Gesellschaft machte es einem oft nicht leicht, das auch durchzuziehen. Manchmal gibt es nur Brotkrümel zum Abendessen, manchmal Champagner. Im Titelsong „Sorry, We’re Open“ heißt es: „I don’t know where I’m going, but everybody follow me.“ Ich habe zwar keine Ahnung, wo das Schiff hinfährt, aber es fährt, und ich muss alle anderen überzeugen. Dieser Song ist aber nicht nur ein Song über das Künstlerdasein, es ist ein Song über das Leben, über die Reise, auf die sich eigentlich jeder begibt.

BONAPARTE_2012_Forrest0_-__MelissaHostetlerDas musst du erklären.
Was uns bei Bonaparte vereint, ist, dass wir nie so richtig einen Platz in der Gesellschaft gefunden haben. Unseren Platz haben wir erst mit Bonaparte gefunden. Dieses Gefühl, keinen Platz zu haben und ihn dann irgendwo zu finden, das gilt doch im Prinzip für alle Menschen. Vielleicht hängt die Unsicherheit, die man dabei verspürt, auch mit den Freiheiten und Möglichkeiten zusammen, die wir heute haben. Wir können mehr oder weniger tun und lassen, was wir wollen. Aber das setzt voraus, dass der Mensch herausfindet, was er will. Und dabei kann man sich eben auch mal ganz schön verlieren. Es ist schon ein Wahnsinn, das Ganze, aber das ist ja auch das Tolle daran.

Was ist für dich das Tolle an dieser Reise?
Es geht bei dieser Reise darum, zu erkennen, wer man ist und auch zu dem zu stehen, was man ist. Dass du aufstehst und selbstbewusst sagst: Hier bin ich, das bin ich. Irgendwann merkst du, dass du die richtige Abzweigung erwischt hast, dass es Sinn macht. Und das ist etwas Tolles, deshalb tun wir das. Obwohl es tausend Gründe gibt, aufzuhören.

Zum Beispiel?
Für jeden in der Band einen: kein Geld zu haben, immer aus dem Nichts Gold machen zu müssen, älter zu werden, aber trotzdem auf der Bühne noch einen knackigen Po haben zu müssen, seine Familie kaum zu sehen. Aber letztendlich stört mich das alles nicht, weil die Reise mit Bonaparte mein Leben ist, ebenso wie meine Tochter. Sie ist ja auch immer dabei. Mit ihren zwei Jahren war sie schon in hunderten Ländern, hat hunderte Shows miterlebt, und sie genießt das. Und wenn sie später mal irgendwann sagt, hier will ich jetzt zu Hause sein, dann muss man eben mal gucken, wie man das macht.

Jetzt hat die HMS Bonaparte wieder in Berlin Halt gemacht. Das dritte Album ist veröffentlicht, ist die Reise jetzt erst einmal zu Ende?
Ich bin ein Getriebener, und ich werde mich auch immer irgendwo rumtreiben. Aber ab und zu werde ich an einem Hafen anlegen. Wo, das ist egal. Jetzt eben noch mal Berlin. Wohnen und glücklich sein, das kann ich irgendwo auf dieser Welt, es braucht ein paar Menschen dazu und ein bisschen Natur. Lustigerweise ist das Gefühl von Heimat sehr wichtig geworden in der Zwischenzeit.

Wo ist deine Heimat?
Meine Heimat ist die Schweiz, das ist ganz klar. Ich bin Schweizer, ganz egal, wie unschweizerisch Bonaparte meistens betrachtet wird. Natürlich ist es immer schön, einen Ort zu haben, an den man zurückkehrt. Aber im Moment denke ich eben, es muss nicht mehr unbedingt Berlin sein.

Überlegt einen Moment …

Ach Berlin, das kommt schon okay, es riecht zwar ein bisschen komisch, aber tot biste noch nicht. Am Ende des Tages ist Berlin immer noch eine wunderbare Stadt, um zu sein.

Interview: Katharina Wagner

Foto: Melissa Hostelter

Bonaparte „Sorry, we’re open“ (Staatsakt / Warner)

Live auf dem Berlin Festival, Flughafen Tempelhof, Sa 8.9., Infos und Ticketpreise unter www.berlinfestival.de

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