Konzerte & Party

Tobias Rapp – „Lost and Sound“ im Berliner Nachtleben

Tobias Rapp„Ob ein Abend diesen be­stimm­ten Moment vorgesehen hat, lässt sich niemals voraussagen. Es passiert, oder es passiert eben nicht.“ Das ist eine der Wahrheiten von Tobias Rapp über das Nachtleben, die sich in dieser Nacht bestätigt hat. Wir sind mit dem ehemaligen Popredakteur der „tageszeitung“, Mitglied der Expertenrunde des Plattenspiegels für den tip und seit Neuestem „Spiegel“-Autor zum Ausgehen verabredet.
Der Abend beginnt im Pick­nick, hier hätte Rapp eigentlich heute auflegen sollen. Aber die Kollegen von der „de:bug“, die ihn für ihre Party gebucht haben, haben es sich kurzfristig anders überlegt. So bleibt mehr Zeit, um mit ihm zwischen Bar und Tanzfläche, Taxi und Clubtür über Techno, Sehnsuchtsorte und das Phänomen des Easyjet-Ravers zu sprechen.
Mehrere Freunde und Kollegen stehen im Eingang des Mitte-Clubs. Ein paar gratulieren ihm zum Erscheinen des Buches, und der Autor nickt und dankt und bietet an, ein Exemplar vorbei­zu­schicken, oder antwortet auf die Frage, ob er zufrieden sei: „Besser hätte ich es nicht gekonnt.“
Tobias Rapp hat eine kluge Anleitung zum Raven, einen Stadtplan für Clubtouristen geschrieben, ein kulturpolitisches Statement und vor allem eine fast romantische und selbstbezogene Be­standsaufnahme des Techno-Zirkus in der Hauptstadt. In seinem Buch macht er klar, dass Berlin der Mittelpunkt der europäischen Clubkultur, wenn nicht sogar der Welt ist. Dabei bedient er weder den Wunsch nach akribischer Historisierung des Genres, noch beschäftigt er sich mit der kompletten Szene in Berlin. „Ich bin nicht so der Afterhour-Typ“, sagt der 37-Jährige, der aus Bremen kommt, um zu erklären, warum er viele der Technopartys in seinem Buch nicht berücksichtigt hat. Er ist mitnichten zu alt zum Raven, aber er ist einer der zweiten Generation, einer, der mit den frühen Protagonisten im frisch ent­deckten Ostberlin zusammenwohnte, der beim Partysan mitmachte und in den Frisör ging. Er ist einer, der an der Tanzfläche steht und meistens erklären kann, wer den gerade laufenden Track wann und wo releast hat. Dabei stützt er mit der Hand sein Kinn, legt den Kopf schief und beugt sich leicht nach vorne. Rapp ist einer von den etwas kauzigen Poptheoretikern. Aber verglichen mit den meisten seiner Kollegen arbeitet sein Kopf zwar in luftiger Höhe, seine Füße jedoch spüren noch die Tanzfläche. Das macht ihn glaubwürdig.
Im Picknick stürmt gerade Rapps ehemalige Kommilitonin und Kollegin Mercedes Bunz herein. Sie hüpft fast vor Freude und verkündet, dass sie an Rainald Goetz vorbeigelaufen sei, weil sie auf der Gästeliste stand und er nicht. Kurze Zeit später kommt auch der Schriftsteller und Autor von „Rave“ und begrüßt Rapp mit herzlicher Geste. Die zweite Wahrheit des Nachtlebens: Vor den Türen der Berliner Clubs herrscht „soziale Korruption„. Einzig „soziales Kapital“ ist hier die entscheidende Währung. Auch wir gehen heute Abend nur auf Partys, bei denen wir auf der Gäs­teliste stehen.

Lesen Sie den vollständigen Artikel in tip 04/09 auf den Seiten 104-105.

Text und Foto: Laura Ewert

Tobias Rapp „Lost and Sound. Berlin, Techno und der Easyjetset“, Suhrkamp, 250 Seiten, 8,50 Euro, ab Ende Februar im Handel.

Lesung mit Tobias Rapp im pro qm

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