Konzerte & Party

Tom Liwa und die Flowerpornoes im Roten Salon

Tom Liwa

tip Tom Liwa, Sie hatten neulich eine schwere Hirnhautentzündung. Alles überstanden?
Tom Liwa Die Zeit, in der ich den Ball flach halten musste, hat mir wahnsinnig gut getan. Weil ich lange nur auf dem Rücken liegen und Gitarre spielen konnte, habe ich mir viele Coverversionen draufgeschafft. Ein schönes Repertoire an Welthits. Jetzt bin ich lagerfeuerkompatibel.

tip Dabei wollten Sie 2013 die Musik ganz aufgeben. Weshalb?
Tom Liwa Ich war an einem Punkt, wo ich mir mich selbst im Spannungsfeld von Förderkultur und Markt nicht mehr vorstellen konnte und wollte. Es hing auch mit den damaligen Umständen in meinem Leben zusammen. Ich hatte mich eine Zeit lang freiwillig vom Konzept „fester Wohnsitz“ verabschiedet.

tip Wie sah das konkret aus?
Tom Liwa Dass ich bei Freunden gewohnt habe. Und eine Weile auch auf einem Permakulturhof in Bayern. Ich hatte alles losgelassen. Wenn man sich von allem verabschiedet, merkt man aber auch, was von einem bleibt. Und ich habe gemerkt, dass Schreiben für mich essenziell ist. Ob das nun ein Publikum gibt, das das hören will, oder nicht. Ich habe dann eigentlich gegen meinen Willen wieder angefangen, Songs zu schreiben. Und die fand ich schön.

Flowerpornoestip Und plötzlich wollten gleich vier Plattenfirmen das neue Doppelalbum „Umsonst und draussen“ (Grand Hotel van Cleef), rausbringen.
Tom Liwa Total schräg. Entweder stehen die Sterne gerade günstig. Oder darin ist irgendeine Lektion versteckt.

tip Es ist Ihre dritte Platte mit den Flowerpornos nach der Auflösung Mitte der 90er und der Wiedervereinigung 2007. Das sei wie Sex mit der Ex, schrieb ein Kollege mal.
Tom Liwa Ich sehe die Flowerpornos nicht als Ex an. Das Schöne ist ja gerade die Kontinuität, dass Markus Steinebach, Birgit Quentmeier und ich seit über 30 Jahren zusammen Musik machen. Und das auch in den 30 Jahren tun werden, die ich vermutlich noch auf diesem Planeten habe. Und das ist ein gutes Gefühl. Viele Beziehungen, die ich zu anderen Menschen hatte, waren von einer viel höheren Vergänglichkeit.

tip Eine Band als beste Beziehung, die man haben kann – das würden sicher nicht alle Bands unterschreiben.
Tom Liwa Wir sind eine Familie! Definitiv. Neulich meinte Markus, unser Bassist, als Scherz, ob wir uns nicht als gemeinnütziger Verein anmelden sollten. „Verein zur Förderung spirituell konnotierter psychedelischer Rockmusik in soziokulturellen Zusammenhängen.“ Also die Musik zurückzuführen zu dem, was sie ursprünglich mal war: ein Mittel, mit dem soziale Prozesse begleitet werden können. Irgendwo hinzugehen und die Zustände auf den Punkt zu bringen. Für das Publikum und für uns selber. Losgelöst von Marktstrukturen. Beuys hätte das „soziale Plastik“ genannt. Auch wenn das jetzt total abgehoben klingt: Das ist es, was uns am Herzen liegt.

Tom Liwatip Die Platte schlägt einen weiten Bogen von introspektiven Stücken wie „Planetenkind“ über das fast mantrahafte „Wo wird mein neues Zuhause sein“ bis hin zu bitteren Songs über das Musikbusiness und einstige Idole wie Bob Dylan.
Tom Liwa Das sind die Themen, die in dieser Zwischenphase bei mir eine Rolle spielten, als ich alles verlassen habe, um wieder einzusteigen. Gerade auch die kulturkritischen Sachen. Es war mir wichtig, dafür verschiedene Stile zu finden.

tip Was bedeutet eigentlich der Songtitel „Kuya“?
Tom Liwa „Kuya“ ist ein Begriff aus dem Quechua, der Sprache der Anden-Indianer und bedeutet „Stein“. Es gibt ja auch die Songs „Kuya Reprise“ und „Kuya (Slight Return)“. Wobei „Slight Return“ ein Hendrix-Verweis ist. „Third Stone from the Sun“. Diese Nerd-Scheiße wieder! (lacht)

tip Und der Titel des wunderbaren Banjo-Opener „Hayonedop“?
Tom Liwa Einfach ein Wortspiel. „High ohne Dope“. Über den Ort, an dem ich früher immer im Urlaub war.

tip Schlauer werden mit Tom Liwa! Aber jetzt Sie wieder sesshaft, oder?
Tom Liwa Ich wohne mit Freundin und Hund in Westfalen am Dorfrand. Mir ist es fast noch zu domestiziert. Wobei der  Ruhrpott nahe ist. Es ist halt die alte Geschichte. Du kriegst den Jungen aus Duisburg raus, aber nicht Duisburg aus dem Jungen. Ich werde schon immer ein Ruhrpottler bleiben.

Interview: Erik Heier

Fotos: Marian Lenhard

Tom Liwa, Roter Salon, Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte, So 29.11., 21 Uhr, VVK: 15 Euro zzgl. Gebühr

Tom Liwa mit Flowerpornos: „Umsonst und Draussen“ (Grand Hotel van Cleef)

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