Konzerte & Party

Tonia Reeh und Justine Electra bei Urban Spree

Es war schon krass damals. Unter dem Namen Monotekktoni wählte sie nicht nur in „Schieß’ mir ein Loch in den Kopf“ den drastischen Tonfall. Ihr Ein-Frau-Electro-Punk provozierte und passte bestens zur Krawallstimmung der Nullerjahre. Heute hat Tonia Reeh keine Lust mehr, so weiterzumachen. Sie hat sich von Synthesizern und Beats verabschiedet und singt ihre Lieder nun am Klavier. Kontinuität gibt es trotzdem. An gewissen Grundfesten hat sie nicht gerüttelt. „Ich mache immer noch direkte emotionale Musik. Die Attitüde ist schon noch da. Es interessiert mich nicht, ob ich immer den richtigen Ton treffe. Entscheidend ist, dass ich alles gebe, was ich an Energie in mir habe“, sagt sie. In der Tat darf man es sich mit ihr nicht wie an einem gemütlichen Abend am Piano vorstellen. Besser ist man beraten, wenn man an Dresden Doll Amanda Palmer oder Noisenik Jim Foetus denkt. Gleichzeitig bleibt Raum für nachdenkliche Momente. In „The Defeated Woman“ singt Tonia über ihre persönliche Situation. „Es ist nicht einfach, das Musikmachen mit dem Muttersein zu vereinbaren. Da kollidiert die Frühaufsteherwelt mit der Musikerwelt. Wenn ich immer einen Babysitter nehmen müsste, könnte ich nicht mehr von der Musik leben. Ich müsste mir in diesem Fall einen normalen Job suchen. Das wäre dann die Niederlage.“ So weit wird es aber nicht kommen. Mit „Fight Of The Stupid“, ihrem zweiten Album unter eigenem Namen, hat diese Frau die Siegerstraße fest im Blick.  
Justine ElectraÄhnlich Erfreuliches lässt sich auch von Justine Electra sagen. Bei ihr hatte man schon Sorgen, dass sie gar nicht mehr in Erscheinung treten würde. Vor sieben Jahren erschien das Debüt „Soft Rock“ bei City Slang. Es kam sehr gut an und passte zum von Feist begründeten Stil des neuen Jahrtausends. Trotzdem hatte das Label kein Interesse an einer weiteren Zusammenarbeit mit der in Australien geborenen Musikerin. Das bereitete Justine einige Probleme. Niemand dachte, dass eine Sängerin, die so ein Album gemacht hat, vor die Tür gesetzt worden ist. Es gab weder neue Angebote noch Tantiemen von der GEMA. Aber das ist Vergangenheit. In den nächsten Wochen erscheint ihr neues Album „Green Disco“ bei Neun Volt Records, dem von Andrй Abshagen (früher Dauerfisch) gegründeten Label. „Grün ist eine Farbe, die für den Neuanfang und die Natur steht. Mit dem Album löse ich mich endgültig vom City-Slang-Musikindustrie-Wahn und fange neu an. Ich kommentiere aber auch, dass wir heutzutage in einem System gefangen sind, das uns dazu verleitet, Wälder, die Natur und die Welt insgesamt als riesengroße Kitsch-Disco zu betrachten“, sagt Justine. Über die Musik versuche sie, ihre Angst und Hoffnung zu bearbeiten und mit den Leuten zu teilen. Inspiriert haben sie „I See A Darkness“ von Bonnie „Prince“ Billy, ein Loop auf einer Dudelsack-CD, das ihr nach einem Hörtest in einem Saturn-Markt nicht mehr aus dem Kopf gegangen ist und der Umgang mit Freaks und Freunden bei Besuchen in den USA. Dieser Stadt wird Justine aber nicht den Rücken kehren. Sie lebt seit 1995 in Berlin und ist hier Mutter geworden. Nach so langer Zeit sind wichtige Bindungen entstanden, die man nicht aufgibt. Etwa die zu Tonia Reeh, die ihr angeboten hat, im Doppel ein Release-Konzert zu geben. Sisters are doing it for themselves.

Text: Thomas Weiland

Tonia Reeh + Justine Electra, ?Urban Spree, Sa 21.9., 21 Uhr, ?VVK: 10 Euro zzgl. Gebühr   

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