Platten im Test

Alben der Woche: Aaron Frazer beseelt, Shame und Sleaford Mods punkpissen

Was für ein Schneewetter! Da gibt’s nur zwei Optionen: Entweder man ist (post-)punkpissig drauf wie Shame oder die Sleaford Mods und pisst den Schnee weg – oder man zelebriert das Schneetreiben wie die Grandbrothers oder die Compilation „Haingeraide“. Obwohl die Sicht nicht prima ist beim Schneewetter, haben wir auch zwei tolle Neuentdeckungen für euch: Aaron Frazer aus Brooklyn und Nicolas Fehr aus Berlin. So lässt es sich doch beseelt ins Wochenende starten vor dem (imaginären) Kamin. Lautsprecherboxen sind nämlich oft die besseren Kamine für Feuer unterm Hintern, unter uns gesagt.


Shame: „Drunk Tank Pink“ (Dead Oceans/Cargo)

Young Angry Weirdos Was tun nur alle Euphorisierten, die Shame vor drei Jahren bescheinigt zu haben, mit ihrem Debüt „Songs of Praise“ das beste UK-Gitarrenalbum seit einer kleinen Ewigkeit aufgenommen haben? Zu Kreuze kriechen, oder vor Freude mit einem Lampenschirm tanzen wie David Byrne im Film „Stop Making Sense“?

„Drunk Tank Pink“, das „schwierige zweite Album“, ist nämlich noch reicher, experimenteller, dissonanter, manischer, kurzum: noch besser als ihr Auf-die-Fresse-Debüt. Im Überhit „Nigel Hitter“ trifft die nervöse, tighte Sexyness der Talking Heads auf den Sound neuer englischer Weirdo-Bands wie Squid oder Black Midi; dazu finden Shame eine ganz eigene, so geradlinige wie poetische Sprache für ihr Nichteinverstandensein. (Julia Lorenz)


Nicolas Fehr: „Violet XLVIII“ (Martin Hossbach)

Infinitronica Woher kommt es, dass ausgerechnet dieses Album eine Assoziation der Kälte hervorruft? Sind es die einsamen Synths des Openers „Kimono“? Ist es der Hall, der über ihnen liegt, ist es die oft gehauchte Stimme, die sich durch Nicolas Fehrs neues Album zieht? „Violet XLVIII“ ist ein Upgrade des erst jüngst erschienenen Debütalbums „Violet“. Der Sound ist, wie auch der Titel, gleichartig, klare Referenz, aber um sechs Wochen gereift.  

So interdisziplinär wie der Werdegang des zwischen amerikanischen und deutschen Großstädten wechselnden Multiinstrumentalisten ist auch sein Sound: Er bewegt sich spielerisch zwischen Ambientfetzen, entschleunigtem Trip-Hop-Versatz, schläfrigem Pop und bringt ein Album von internationaler Orientierung. Letztlich sind es gerade die Synthesizer und das reduzierte Beatgerüst, die einen sanft umarmen, die dem Sound Wärme geben, die einen das Album wieder und wieder von vorne hören lassen. (Ben-Robin König)


Aaron Frazer: „Introducing…“ (Dead Oceans/Cargo)

Soul Die Basssaiten wahnsinnig hüpfen lässt Nick Movshon, wie er es schon für Amy Winehouses Knaller-Album „Black To Black“ (2006) tat. Für die frechen Bläser-Einwürfe (Flöte, Trompete, Posaune, Sax) sorgen Teile der Memphis Boys, die schon bei Megahits von Dusty Springfield und Aretha Franklin zugange waren. Und hat der junge Aaron Frazer aus Brooklyn all die Vorschusslorbeeren verdient? Aber so was von!

Während andere weiße Soul-Bubis wie Sam Smith, längst gen Electro- bis Sterilo-Pop abdriften, kommt die Frazer’sche Seelenstimme dann im gedrosselten bis gehobenen Midtempo zu vollem Ausdruck, wenn sie flankiert wird von Latin-Percussion, handgemachten Hammond-B3-Orgelpunkten sowie verspieltem Mellotron und phantastischen Rohrglockenspieldetails. Aaron Frazer hat ein Feeling für beseelte Synkopen. Er ist der neue aufstrebende Stern am Soul-Himmel. (Stefan Hochgesand)


V.A.: „Haingeraide“ (Ki Records/The Orchard)

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Neotronische Klassik Die Kombination von elektronischer Musik und (Neo-)Klassik ist ein durchwachsenes Feld. Schnell wird es verkitscht, schnell widmet sich ein*e Künstler*in dem jeweils anderen Genre ohne Verständnis desselben. Wenige beherrschen das Wandeln zwischen beiden Welten. Die Charity-Compilation „Haingeraide“ zugunsten der Ärzte ohne Grenzen versucht einen anderen Ansatz: Produzent*innen elektronischer Spielart reininterpretieren die neoklassischen Komponist*innen und umgekehrt.

„Haingeraide“ besteht aus Stücken von Größen wie Pantha du Prince, José González, Christian Löffler und weiteren in teils grundlegender Neuinterpretation – als Musik zum Schwelgen. Dahinplätschernde 4/4-Takte und entspannendes Piano liefern den Soundtrack für die am Fenster vorbeiziehende Trambahn im Schneeregen. Musikalische Pandemiebegleitung mit pandemiebekämpfendem gutem Zweck. (Ben-Robin König)


Sleaford Mods: „Spare Ribs“ (Rough Trade/Indigo)

Elektro-Punk Der Mensch als Ersatzteil, entbehrlich im kapitalistischen System. Profitgier und Polit-Establishment sind die Zielscheiben des notorisch schlechtgelaunten Jason Williamson. Er bellt seinen Frontalangriff auf das Brexit-England von heute und sein introvertierter Kompagnon Andrew Fearn steuert knochentrockene Elektro-Beats dazu.

Miese Stimmung, Hass, Zynismus, Provokation. Auf dem sechsten Album der Sleaford Mods bleibt alles so wie es war: schlecht. Nur die Duette sind neu. Großartig! So wie alles, was dieses Duo macht. „Spare Ribs“ ist ein blutiger Schnitt ins weiche Fleisch des Popbusiness. (Jacek Slaski)


Grandbrothers: „All The Unknown“ (City Slang)

Techklimpern Was braucht es für einen idealen Wintertag? Reichlich Schnee draußen, reichlich Wärme und ein Buch drinnen. Und passende musikalische Begleitung. „All The Unknown“ von den Grandbrothers böte sich an, mit seiner Eingängigkeit und Wehmut, wie man sie von diversen Ambient- und/oder Neoklassik-Produktionen kennt. Die Kombination beider Elemente birgt oft eine gewisse Mystik in sich, noch häufiger auch einen gewissen Kitsch. Der Pianistenbruder Erol Sarp von den Grandbrothers spricht indes vom Vorhaben, „die schöne und romantische Klaviermusik hinter [sich zu] lassen.“


Ob das funktioniert, ob die subtile Einstreuung von Hip-Hop- und Technoelementen durch Produzentenbruder Lukas Vogel subtil genug ist, bleibt bei der akustischen Omnipräsenz von Klavier, stellenweise Cembalo und mutmaßlich anderen Saiteninstrumenten fraglich. Ein solches Scheitern muss ebensowenig unangenehm sein wie Tendenz zum Kitsch. Gerade dieser erfüllt uns schließlich mit Wärme, was „All The Unknown“ zur passenden musikalischen Begleitung für besagten Wintertag macht. (Ben-Robin König)


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