Platten im Test

Alben der Woche: Black Country, New Road und der Kuti-Clan lassen es krachen

Bei den Alben der Woche beschäftigen wir uns diese Woche auch mit einem Gerücht, das sich zuletzt wacker hielt: Die Generation Z, also die Kids, die dieser Jahre Abi machen, würden die Gitarren verschmähen – und nur noch lofi-elektronische Musik mögen, die aus dem Bedroom-Computer geklickt wurde. Und jetzt: Pustekuchen! Die junge britische Band mit dem etwas sperrig-prätentiösen Namen „Black Country, New Road“ erobert das Herzverlängerungsinstrument Gitarre für die nächste Generation zurück. Fair enough.

Was gibt’s noch popmusikalisch diese Woche? Tamara Lindeman alias The Weather Station knüpft an Jahrtausendwende-Songwriting von Tori Amos, Kate Bush und Aimee Mann an. Puma Blue, 25, aus London macht Neo-Soul als wäre es 2014. Horrorregisseur John Carpenter fährt Klanggeisterbahn. Der Clan von Afrobeatlegende Fela Kuti (1958-1997) verwaltet dessen Erbe. Rainald Grebe gibt den Aluhutträger*innen auf den Deckel und Die Regierung schwingt ganz unironisch. Danke, Merkel!


Black Country, New Road: „For the First Time“ (Ninja Tune/GoodToGo)

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Generation-Z-Post-Punk Black Country, New Road macht vieles richtig und zugleich falsch, vor allem ein Satzzeichen im Namen. (Das war schließlich schon im Jahr 2000 bei Godspeed You ! Black Emperor komisch.) Zum Jahrtausendwechsel waren die Mitglieder des Septetts Black Country, New Road alle etwa ein Jahr jung. Black Country, New Road ist eine Band der Generation Z, ohne so zu klingen – kein Future R&B, kein queerer Bedroom-Pop. Nein, die Band, deren Mitglieder sich aus der ländlichen Gegend ums britische Cambridge herum kennen, spielen Gitarrenmusik, ein Gemisch aus Post-Punk und Post-Rock, das die Grenzenlosigkeit der Montrealer Szene der frühen nuller Jahre um das Label Constellation und die genannten GY!BE, den im Hardcore verwurzelten Post-Rock der frühen 1990er à la Slint und die fast punkige Intensität der gegenwärtigen Londoner Jazz-Szene vereint.

Dazu sprechsingt Sänger und Gitarrist Isaac Woods über ein tief im Hals steckendes Husten, als wäre er Sun Kil Moon, der die Toxik seiner Männlichkeit verlernt hätte. Das Ethos des Post-Rock passt nämlich doch zum Weltgefühl der Generation: Eine Utopie von Gleichberechtigung im Kollektiv, das Auflösen der starren Strukturen auf der Bühne und in den Songs. Bezeichnend, dass mehrere der Musiker*innen schon einmal in einer anderen Formation spielten – als gegen den Frontmann der damals hoch gehandelten Newcomer*innen Nervous Condition im Frühjahr 2018 Vorwürfe sexualisierter Gewalt aufkamen, traten die anderen geschlossen aus der Band zurück: Konsequenz statt Karriere.

Gut, dass sie hier noch einmal zusammenfanden, musikalisch noch diverser: Saxofonist Lewis Evans hat einen Hintergrund im Klezmer, Violinistin Georgie Ellery spielt seit Kindertagen in Orchestern. Die anderen sind musikalische Laien mit absurdem Talent, und vielleicht sind die stärksten Momente, wenn das Feuer des genialischen Dilettantentum und die unerwartet sophisticated Wendung sich gegenseitig durch die langen, intensiven Stücke dieses Debüts schubsen – Stücke, die, wie die Band sagt, ohnehin nie fertig sind. (Steffen Greiner)


The Weather Station: „Ignorance“ (Fat Possum/Membran)

Singer-Songwriterin Zwischen Tori Amos‘ „To Venus And Back“ (1998) und Kate Bushs „Aerial“ (2006) bewegt sich dieser Angry-Folk von Tamara Lindeman alias The Weather Station eingangs, um uns dann auch noch chillig Saxofon zu gönnen und in Gitarren-Gefilde à la Paula Coles „The Fire“ (1996) vorzudringen, die sich bestens eignen würden für den Soundtrack der Millenial-Kultserie „Dawson’s Creek“, die Netflix gerade coolerweise wieder ausgegraben hat.

Zudem wird eh immer klarer, was für eine Inspiration Aimee Mann gerade für viele junge Künstler*innen ist, so auch offenhörlich bei The Weather Station. Schönes Album, für wetterfühlige Menschen erst recht. (Stefan Hochgesand)


Femi & Made Kuti: „Legacy+“ (Partisan/Rough Trade)

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Afro-Beat Das nigerianische Nationalheiligtum Fela Kuti hat nicht nur ein umfassendes Werk hinterlassen, sondern auch einen noch unübersichtlicheren Musikanten-Clan. Sein Sohn Femi bringt nun sein elftes Studioalbum „Stop The Hate“ heraus, während dessen Sohn Made mit „For(e)ward“ debütiert – beide Alben erscheinen im Paket als „Legacy+“.

Femi führt die Afrobeat-Traditionen von Fela fort, während der Enkel sich deutlich an westlichen Pop-Einflüssen orientiert. Von Politik, Polizeibrutalität, Korruption und dem Kampf ums Überleben singen sie beide. (Thomas Winkler)


Puma Blue: „In Praise Of Shadows“ (Blue Flowers/Pias/Rough Trade)

Shoegaze-Soul So tiefenentspannt, so unaufgeregt und so elegant wie der 25-jährige Londoner hat wohl schon lang keiner mehr über Opiate, Schneeblumen und Badehäuser sinniert. An der Klangoberfläche passiert erst mal (wie bei Billie Eilish) wenig, aber dafür doch mit vollem Bombast – kein Widerspruch, aber ein ultraschmaler Grat, auf dem nur wenige zu balancieren verstehen.

Fans von Neo-Soul-Platten wie wie Damon Albarns „Everyday Robots“ (2014), Chet Fakers „Built On Glass“ (auch 2014) und von SOHNs „Tremors“ (oops, auch 2014) können hier vermutlich easy andocken. (Stefan Hochgesand)


Die Regierung: „Da“ (Staatsakt/Bertus/Zebralution)

Indie Für einen Indie-Musiker ist Tilman Rossmy ziemlich in die Jahre gekommen. 62 ist der Songwriter mittlerweile – und das einzige durchgehende Mitglied der im NDW-Sommer von 1982 gegründeten Band namens Die Regierung, die zu den Wegbereitern der Hamburger Schule zählt. Zuletzt erschienen neue Platten der Regierung im Zweijahrestakt, nach „Raus“ und „Was“ folgt nun „Da“.

Zehn Songs und zehn Mal unironisch beschwingte Alltagsbeobachtungen, Selbstreflexion und etwas Pop-Philosophie. Dazu viel Dub-Echo, Gitarren-Geschrammel und twangende Countrystimmung. Freut Stones- und Tocotronic-Fan gleichermaßen. (Jacek Slaski)


John Carpenter: „Lost Themes III: Alive After Death“ (Sacred Bones/Cargo)

Geisterbahn Wer Bock auf campy Vampire, Skelette, triefendes Blut und Zombies hat, kann mit Soundtrack-Spezi und Horrorregisseur John Carpenter („Halloween“ von 1978) Klanggeisterbahn fahren. Samt zerrenden Gitarren, 80s-inspirierten Technobeats und Kirchen-, pardon, Höllenorgel.

Etwas vorhersehbar, aber trotzdem solide gut, zumal für die ganz späten Abendstunden, wenn selbst Netflix chillt. (Stefan Hochgesand)


Rainald Grebe: „Popmusik“ (Tonproduktion/Rough Trade)

Kabarett-Pop Für den Aluhutträger läuft es gerade nicht gut. Zuerst verabschiedet sich seine Symbolfigur schmachvoll aus dem Weißen Haus, und nun haut auch noch Rainald Grebe auf ihn ein.

„Wissenschaft, oh/ Ist eine Meinung, die muss jeder sagen dürfen“, singt der Kabarettist in der Leadsingle zu „Popmusik“, während die Beats von Martin Bechler alias Fortuna Ehrenfeld fröhlich dilettantisch scheppern. Selten war Grebe so explizit politisch, aber auch nie so sehr willig, tatsächlich die albumtitelgebende Popmusik zu machen. (Thomas Winkler)


Mehr Musik und Berlin

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