Platten im Test

Alben der Woche: Feiern wie 1999 mit Brandy und Alanis Morissette – und vorwärts mit Arca

Wie geil ist das denn? Brandy ist zurück. Und Alanis Morissette auch. Ist jetzt wieder 1999? Zum Prince-Zitat passt auch das Funk-Duo Video Age, das endlich mal groß durchstarten sollte. Außerdem: Björk-Gefährt*in Arca. Jessy Lanza, der am meisten unterschätzte Popstar der letzten Jahre. Und weil wir nicht geizen: gleich zwei Mal latinisierter Electro-Pop, von Lido Pimienta und von Empress Of. Zwei Frauen, deren Namen man sich mit dem Edding auf die Hand schreiben sollte – damit man ihn auch am Montag noch weiß, nach dem Berghain-Garten-Wochenende, das jetzt ansteht. Wir haben für euch neue Alben gehört – damit ihr wisst, welcher Soundtrack der Woche der eure werden kann.


Brandy: „B7“ (Brand Nu/eOne)

Vintage-R&B „So tonight I’m gonna party like it’s 1999“, sang Prince schon 1983. Aber dass man sich das auch 2020 noch mal herbeisehnt, Party zu machen, als wäre es noch oder wahlweise wieder 1999 – wer hätte das gedacht? Ist aber so. Und am besten geht man zu dieser Party mit der krass nach 1999 klingenden neuen Platte von Brandy, die sich auf dem Cover zu „B7“ (klingt wie ein Auto?) direkt ein Trademark-R hinter den Namen Brandy geschrieben hat. Geht das überhaupt? Kann Brandy, die Grammy-Preisträgerin, einfach so tun, als gäbe es Brandy, das Getränk, nicht? Anscheinend schon.

Im Opener „Saving All My Love“ (der Name weckt Erinnerung an Whitney Houston) geht’s los mit einem jazzy Piano-Intro, schon das: anregend, aufregend synkopiert, dafür dass es gerade mal das Intro ist. Und damit wäre ja wohl das Statement gesetzt: Auf „B7“ geht es nicht um Autos, Autotune und ähnlichen Zeitgeist-Bullshit, sondern um echte Instrumente und diese Stimme mit dem ureigenen Brandy-Effekt: stark, ohne zu prahlen, präsent, ohne zu protzen, liebevoll, ohne einzulullen. Ein wenig konnte man es vielleicht ja ahnen, dass Brandy wieder kommen muss: Immerhin ging auch Jorja Smith, 23, die jüngere, britische Kollegin, in den letzten Jahren steil – und hat sich dabei ganz offenhörlich am Sound von Brandy bedient. Jetzt also endlich wieder das Original. Another day in paradise. (Stefan Hochgesand)


Arca: „KiCk i“ (XL/Beggars)

Avant-Pop Wie klingt Glück in einer globalen Pandemie, fünf Schritte von der Apokalypse entfernt? Wahrscheinlich so wie „KiCk i“, das vierte Album der venezolanischen Künstler*in Arca; Auftakt einer Tetralogie, die noch 2020 fortgesetzt werden soll. Und dieses Glück klingt im besten Sinne grenzenlos – entrückt von so lächerlichen Kategorien wie U- oder E-Musik, von Pop oder Avantgarde-Underground, von digitaler Sphäre oder vermeintlichem Real Life. (Aida Baghernejad)


Alanis Morissette: „Such Pretty Fork in the Road“ (RCA/Sony)

Rock-Pop Man hat’s nicht leicht als Morissette-Fan. Nach ihren ikonischen Alben in den 90er- und frühen 00er-Jahren, die Alternative einem Publikum zugänglich machte, das mit den nihilistischen Grunge-Dudes nicht klarkam, klang die Kanadierin zunehmend generischer, stärker abonniert aufs Formatradio. Ihr neues Album reiht sich in ihre Diskografie “erwachsener” Alben zwischen Pianopop und Rock zwar gut ein, ermöglicht mit Songs wie “Reasons I Drink” aber auch ein Wiedersehen mit der wütenden Alanis, deren Stimme beim Wrestling mit ihren Dämonen toller denn je klingt. (Julia Lorenz)


Jessy Lanza: „All the Time“ (Hyperdub)

R&B-House Fluffige Poptracks für den Sommer, mit viel Liebe für R&B und großem Verständnis für Techno, kann das denn zusammengehen? Oh ja, das kann es. Zumindest bei Jessy Lanza, dem vielleicht unterschätztesten Popstar der letzten Jahre. Das Album strahlt sonnige Zuversicht aus, selbst wenn der Text von komplizierten Beziehungen („Like Fire“) oder Einsamkeit in der Großstadt („Face“, „Anyone Around“) erzählt. Eine kleine, große Popgeste mit verstecktem Tiefgang. (Aida Baghernejad)


Video Age: „Pleasure Line“ (Winspear/Cargo)

Funk-Pop Niemand kennt diese Band, what the fuck?! Das ist mindestens der Geheimtipp des Monats. Wie sich das Quartett aus New Orleans am Funk von Prince, an den melancholischen Harmonien der Beach Boys und Pet Shop Boys, am zurückhaltenden, aber dabei doch so intensiven Gesang von Janet Jackson geschult hat und das ganze noch mit Gegenwarts-Einflüssen wie dem Weirdo-Pop von MGMT und dem Blues von Blood Orange zu etwas doch sehr eigenem mach – wow! (Stefan Hochgesand)


Lido Pimienta: „Miss Colombia“ (Anti/Indigo)

Electro-Cumbia  Lido Pimienta kleidet sich, als hätte man traditionelle lateinamerikanische Gewänder für einen queeren Clubabend re-interpretiert. In diesem Spannungsfeld sirrt und flimmert auch die Musik der indigenen Kolumbianerin, die im kanadischen Exil den Cumbia unter Strom setzt und – trotz aller Modernitätsambitionen – frei von Latin-Pop- Klischees belässt. Das Duett mit Li Saumet, „Nada“, geht sogar als Sommerhit für minimalismusverwöhnte Cool Kids durch. (Julia Lorenz)


Empress Of: „I’m Your Empress Of“ (Terrible/Membran)

Latin-Dance Diese Platte fühlt sich so an, als würde man mit der besten Freundin, die für Gedichte schwärmt und gerade wieder Single Lady wurde, in einer karibischen Sommernacht durch die Strandclubs streifen, wo man zitrusfrische Cocktails schlürft und sie dann auch den ein oder anderen Beach Boy gegen den Strandhüttenpfeiler knutscht, weil der ein bisschen an den Ex erinnert. Kurzum: Verzweiflung und Selbstermächtigung liegen lebensnah beieinander. (Stefan Hochgesand)


2021 sollte es doch endlich wieder Konzerte geben – auf diese freuen wir uns bereits jetzt!

Vergangene Woche überraschte uns Taylor Swift mit einem unangekündigten Album – das richtig gut ist, außerdem gab es die Chicks, Haim und vieles mehr. Im Moment hoffen wir immer noch, dass wird bald wieder Musik live hören können, wie wir es gewohnt sind. Ganz optimistisch freuen wir uns für 2021 auf diese Konzerte besonders. Und langsam, aber sicher gibt es ja auch Fortschritte – so macht etwa der Berghain-Garten auf. Masken haben da schon früher manche getragen…

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