Platten im Test

Alben der Woche: AC/DC schunkeln, Katy J Pearson funkelt

Mit AC/DC geht’s uns wie mit dem ADAC: gigantischer Verein, alle kennen sie, meistens braucht man sie nicht, aber wenn dann mal doch – dann macht man drei Kreuze, dass es sie noch gibt.

Was haben wir sonst noch in den Klangkofferraum gepackt diese Woche? Der Berliner Minimal-Pionier spürt klanglich der Demenz seiner Mutter nach. Uff. Aber richtig gut! Jabu entschädigt für den verlorenen Festival-Sommer und Katy J Pearson, neuerdings Darling fast aller Musik-Kritiker*innen, gibt die britische Dolly Parton am Lagerfeuer der Sehnsucht. (Ist das ein Filmtitel von Rosamunde Pilcher?)

Luke Titus, 23, ist der aufstrebende Titan im Avantgarde-Pop, Aesop Rock macht Rap für Autotune-hassende Vintage-Fans und Molchat Doma spielen Dark Wave auf die weißrussische Tour – um im Vodka-versifften Keller auf Glassplittern zu tanzen. Na dann: na sdorowje! Unsere Plattenkritiken für die Alben der Woche.


AC/DC: „Power Up“ (Columbia / Sony)

Hard Rock „The moment you realize/ Those moments just pass you by“, jodelt Brian Johnson zur Begrüßung – und was soll man da schon antworten? Ja, sind eine ganze Menge Momente vergangen, aber dafür sind AC/DC – die eine Hälfte der Band tot, die andere im hohen Rentenalter – tatsächlich noch recht fidel. Und man darf feststellen: Der ewig junge Bluesrock nach dem immergleichen Erfolgsrezept mit Angus Youngs messerscharfen Riffs und einem altersgerechten Schunkel-Rhythmus klingt selbst auf dem 16. Album immer noch erstaunlich knackig. (Thomas Winkler)


Pole: „Fading“ (Mute / PIAS)

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Kopfkino-Electronica Was bleibt, wenn die Erinnerungen eines Menschen schwinden? Der Ambient-Dub-Elektroniker Stefan Bethke aka Pole hat auf seinem siebten Album die Demenzerkrankung seiner Mutter verarbeitet. Daraus entstanden vielschichtige Tracks, deren Atmosphäre zwischen knuspernder Wärme und gespenstischer Kühle changiert. Auch auf rhythmischer Ebene wechseln die Stücke scheinbar zufällig immer wieder die Richtung. Das nachhaltige Album wirkt zunächst zurückgenommen, aber wird mit jedem Hören dichter und toller. (Stephanie Grimm)


Jabu: „Sweet Company“ (Do You Have Peace? / Cargo)

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Vintage Minimal Eine Reise in die Vergangenheit ist die zweite LP von Jabu. Welche, ist unklar. Ist es eine Ode an die frühen 2000er, in denen knisternde Triphop-Eskapaden durch Filmsoundtracks waberten? Die vergangenen Festivalsommer, in denen artverwandte Sounds wie die von SBTRKT massentauglich wurden? Das Retro dieser neun größtenteils von Minimalismus und sphärischem Hall geprägten Stücke passt prima in entrückte Zeiten, in denen Zeit selbst relativ wird. (Ben-Robin König)

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Katy J Pearson: „Return“ (Heavenly / PIAS)

Country Bluegrass-getrieben, etwas Fidel, eine warme Horn Section und dann diese Stimme, intensiv bis in den Kopf – als würde Dolly Parton (eine britische, wohlgemerkt) Songs der Artpop-Harfenistin Joanna Newsom
covern. Die sehnsuchtsvollen Songs haben das Potenzial zu Instant Classics – wie die von Haim 2020 schon, die aus Kalifornien kommen. So weit westwärts ist, gefühlt, auch die junge Britin gepilgert, immer mit Lagerfeuer­funken abends, eh klar. (Stefan Hochgesand)


Luke Titus: „Plasma“ (Sooper Records / Cargo)

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Avant Pop In nur einer Minute zeigt sich im Song „Ooze“, warum dem Chicagoer bald die Welt zu Füßchen liegen wird: Ultraschnelle, nervöse Drums bürsten die supersmoothe Soul-Miniatur auf Mathrock. Titus tut das, was drüben in UK auch King Krule perfektioniert hat: Jazz, R’n’B und HipHop am Laptop zu unerhörtem Pop verschmelzen. Wo der King allerdings sediert durch die Popgeschichte traumwandelt, klingt Titus wie ein Soul-Crooner auf Speed – überfordernd und tight. (Julia Lorenz)


Aesop Rock: „Spirit World“ (Rhymesayers Entertainment / Cargo)

Vintage Rap Zuerst denkt man: Da stimmt doch was nicht. Kein Autotune? Keine Trap-Beats? Nix Cloudiges, Verhuschtes? Stattdessen immer schön auf die Zwölf, den Bass fett, die Reime auf den Punkt. Nach zwei Jahrzehnten im Rap-Geschäft ist Aesop Rock zwar noch nicht alt genug, um selbst Old School zu sein, aber kaum jemand traut sich heutzutage noch, so old-schoolig zu klingen. Doch wenn man solch ein schlauer Wortakrobat ist, dann reichen eben auch die alten Rezepte aus. (Thomas Winkler)

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Molchat Doma: „Monument“ (Sacred Bones / Cargo)

Düsterpop Sorry England, aber der plattenbaufarbenste Synth-Pop, der düsterste Düster-Wave und Post-Punk kommt derzeit aus Osteuropa. Das weißrussische Trio Molchat Doma lässt uns mit den auf Schmerz und Schmelz programmierten Billo-Synthies auf ihrem Quarantäne-Album „Monument“ eine Lebensrealität erahnen, über die man in der Mitte Europas wenig weiß. Klar, zu diesen Joy-Division-Klischees ist eigentlich schon alles gesagt worden – aber noch nicht von jedem. (Julia Lorenz)

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