Platten im Test

Alben der Woche: London Grammar überholen, Paul McCartney lässt covern

Krasse Sache, wenn an einem Freitag gleich zwei der spektakulärsten neuen Alben Cover-Alben sind. Das gibt’s nur einmal im Schaltjahr! (Grobe Prognose der tipBerlin-Musikredaktion, ohne Gewähr.) Die Americana-Queen Lucinda Williams (die auch eine tolle Produzentin ist) huldigt ihrem frühen Förderer Tom Petty, der im Himmel mit den Haaren wedeln dürfte. Sir Paul McCartney hingegen hat die Coverversionen seines unlängst erschienenen Albums „III“ gleich selbst kuratiert – und einige der spannendsten Gegenwartsmusiker:innen dafür ausgesucht, wie Anderson Paak und Phoebe Bridgers. Zufälligerweise heißt das Album von Son Lux so ähnlich, nämlich „Tomorrows III“. (Stoff für eine krude Verschwörungstheorie?) Die transatlantische Brücke sehr weit, nämlich von England bis nach Kalifornien, spannen London Grammar mit „Californian Soil“. Schöne Sache, aber vielleicht nicht für The xx. Warum? Lest selbst! Hier sind unsere Alben der Woche.


London Grammar: „Californian Soil“ (Metal & Dust/Ministry of Sound/Universal)

Pop Zu Unrecht steht London Grammar, das melancholische Electro-Pop-Trio aus Nottingham, immer etwas im Schatten von The xx, dem melancholischen Electro-Pop-Trio aus London. Sie kochen beide mit ähnlichen Zutaten, zumal sie beide fantastische Lead-Sängerinnen haben: Romy Madley Croft bei The xx beziehungsweise Hannah Reid bei London Grammar. Mit diesem dritten Studioalbum könnten London Grammar aber auf der Überholspur sein. Eine Eloge auf die Liebe zur Nacht und die Liebe zur Liebe und die Notwendigkeit von Freundschaft. (Stefan Hochgesand)


Lucinda Williams: „Lu’s Jukebox Vol. 1 – Runnin‘ Down A Dream: A Tribute to Tom Petty“ (Highway 20/Thirty Tigers/Membran)

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Hommage Das war sie ihm noch schuldig! 1999 hatte Lucinda Williams einige hochgelobte, aber sehr raue und introvertierte Alben eingespielt; bekannt war sie ausschließlich bei anderen Musikern und Kritikern. Dann kamen das Meisterwerk „Car Wheels On A Gravel Road“ und die Einladung mit Tom Petty und seinen Heartbreakers auf Tour zu gehen. Es wurde ein Befreiungsschlag, danach legte Williamss fast alle ihre Zwänge und Ängste ab.

Petty starb vor drei Jahren, aber als Williams den Plan fasste, eine Reihe von Konzerten unter dem Titel „Lu’s Jukebox“ ohne Publikum live im Studio einzuspielen, war der warmherzige Kumpel Tom Petty der erste, dem sie huldigen wollte. Es sind die großen Abräumer, „Rebels“, „I Won’t Back Down“, „Wildflowers“, die Lu hier röhrt, und die glättende Hand eines Produzenten hätte sicher nicht geschadet. Aber trotzdem: Das ganze Projekt ist so sympathisch, Williams und ihre disziplinierte Band so spielfreudig, Tom wird in der Himmelsband die langen Haare dazu schütteln. (Lutz Göllner)


Son Lux: „Tomorrows III“ (City Slang)

Avant Son Lux sind eine der letzten verbliebenen innovativen Bands. Das Trio aus New York weiß in seiner unerhörten Mixtur in jeder Minute zu überraschen. Das kann anstrengend sein, weil unsere Pop-Öhrchen bekanntlich eher das Erwartete und somit Erwartbare goutieren. Aber wer ihn mal wieder satt hat, den Pop-Sound des Konsensradios, kann sich kaum etwas Besseres gönnen als diesen finalen Teil der „Tomorrows“-Trilogie, samt gebrochener Rhythmen und Schmerzensvocals. (Stefan Hochgesand)


Paul McCartney „III Imagined“ (Capitol/Universal)

Reworks Längst ist Paul McCartney nicht mehr 64, sondern 78. Aber es ist erstaunlich, wie offen er immer noch für neue Entwicklungen und Sounds ist. Dass er beileibe kein Altherrenrocker ist, zeigte er zuletzt mit seinem solo, aber abwechslungsreich eingespielten Album „McCartney III“ – und das beweist er nun auch mit diesem Rework-Album davon, das er selbst kuratiert hat. Er lud sowohl bewährte Produzenten wie Blur- und Gorillaz-Chef Damon Albarn oder Beck als auch spannende junge Musiker wie den US-Funk-Rapper Anderson Paak oder die Singer-Songwriterin Phoebe Bridgers ein.

Die Ergebnisse reichen von Remixen der Originals mit McCartneys Vocals bis zu respektvollen Coverversionen. Alle geben den Songs neue Farbe und eigene Frische. Bei Damon Albarns „Long Tall Winter Bird“ klingt Beatleskes durch, Anderson Paak lädt die Landleben-Hommage von „When Winter Comes“ mit Breakbeats urban auf, und Phoebe Bridgers‘ verwunschene Coverversion von „Seize The Day“ klingt so, als mixe Billie Eilish auf den Strawberry Fields (Mellotron!) einen Grüne-Fee-Cocktail für Kate Bush. Schon schön. (Friedhelm Teicke)


Mehr Musik

Mit Musik-Auflegen lässt sich zurzeit wenig Geld verdienen. Wir haben mit einem DJ gesprochen, der stattdessen im Corona-Testzentrum schuftet. Die ganze Wahrheit über Mallorca, Cash und Ekel beim Testen. Wer mehr Musik braucht, um durchs Wochenende oder durch die Woche zu kommen, wird auch hier fündig bei unseren Platten im Test: Nick Waterhouse glitzert, Rhiannon Giddens hypnotisiert. Die Alben der Woche von der Woche davor sind auch immer noch so richtig gut. Hypeverdächtig geradezu mit Dry Cleaning und Jonas Nays Band Pudeldame, die mit „Berlin Midde“ eine ganz eigene Stadthymne geschrieben haben. Ein heißer Kandidat für das Album des Jahres ist jetzt schon Serpentwithfeet mit seiner Gospel-R&B-Feier der queeren Liebe.