Platten im Test

Alben der Woche: Nick Cave fleht, 2 Chainz protzt, WizKid schwoft

Alles an Corona ist scheiße, außer dass uns das nun dieses Wahnsinnsalbum von Nick Cave beschert hat. Stadiontour ging logischerweise nicht, also setzte sich der größte Songwriter seiner Generation sozialisoliert-solo ans Klavier. Das ist ja sowieso die große Feuerprobe für Songs – ob sie auch ohne Effekt-Bombast alleine am Klavier stark bleiben. Spoiler: bei Cave sowas von!

Aber wir haben nicht nur alte weiße Männer für euch: WizKid ist die Zukunft. Die Songwriterin Jennifer Castle huldigt den Schmetterlingen (im Bauch?), Rob Mazurek lässt seine Jazz-Rakete in den Kosmos steigen, 2 Chainz, für Trap-Verhältnisse schon Opa, ist ganz schön gut gealtert. Long Tall Jefferson hat sich in einen Astronauten verliebt. Oder war es eine Astronautin? (Das Englische lässt es offen.)


Nick Cave: „Idiot Prayer: Nick Cave Alone At Alexandra Palace“ (AWAL / Rough Trade)

Pianopathos Wenn wir irgendwann einmal zurückblicken und uns fragen, was uns diese Pandemie gebracht hat, können wir sagen: „Idiot Prayer“. Das musikalische Gebet des Narren Nick Cave, den introspektiven Ritt ins Werk des düsteren Australiers. Im minimalistischen Ambiente des Alexandra Palace in London ließ Cave im Juni 2020 knapp zwei Dutzend Songs in Ton und Bild aufzeichnen, die er allein am Klavier spielte. Kein Best-of-Programm, sondern eine klug wie kunstvoll zusammengestellte Auswahl. Von „Girl in Amber“ und „Waiting For You“, über „Jubilee Street“ und „The Ship Song“ bis „Into My Arms“ und „Black Hair“.

Ursprünglich als Stream-Filmprojekt konzipiert, das die Fans für ausgefallene Live-Konzerte entschädigen sollte, erscheinen die Aufnahmen nun als Album. Eindringlich und flehend, besinnlich und eruptiv, mit der Stimme eines einsamen Propheten, eines verzweifelten Dichters, eines Liebhabers, eines Sterbenden, ja, des Teufels selbst, singt sich Cave durch sein Repertoire – von der West-Berlin-Ära bis „Ghosteen“, dem neuesten Studioalbum von 2019.

Eine bald 40 Jahre andauernde Schaffenszeit, die er mit diesem Zyklus in einen poetischen Zusammenhang stellt. Es ist eine ungeheure Leistung. Wer seine „Conversation with…“-Performances mochte, wer die Platten „The Good Son“ und „The Boatman’s Call“ liebte, den werden auch diese reduzierten, von Cave mit aller Seelenkraft, die ihm als Mensch und Musiker zur Verfügung steht, am eleganten Fazioli-Flügel dargebotenen Balladen über Gott, Tod, Liebe und Sehnsucht in eine Stimmung versetzen, die zu diesem Lockdown-Herbst allzu gut passt.

Die Konsequenz, mit der er sich auf sich selbst und die Stärke seiner Kompositionen konzentriert, bestätigt noch einmal und mit größter Intensität, dass Nick Cave nicht weniger als der bedeutendste Songwriter seiner Generation ist. Der bekanntlich eng mit der deutschen Hauptstadt verbunden ist: 12 Fakten über Nick Cave in Berlin. (Jacek Slaski)


WizKid: „Made In Lagos“ (Starboy / RCA / Sony)

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Afrofutur Ist das nicht der aus dem Drake-Song? Wie schon sein Kollege Burna Boy erschien WizKid zuerst durch die Findigkeit des kanadischen Weltstars auf dem Radar unserer Sphären. Die Popmusik entdeckte wieder einmal Rhythmen des afrikanischen Kontents für sich, Patois kam aus aller Munde – nur hatten die beiden Nigerianer erstmal nicht viel vom Musikkolonialismus.

Wie schon der auch als Featuregast vertretene Burna Boy beweist auch WizKid mit seinem neuen Album „Made In Lagos“, dass es kaum internationale Grandezza braucht, wenn diese sich primär bei einem selbst bedient. Dem Afrobeat, dem Dialekt gesellen sich augenzwinkernde Zitate an R’n’B-Klassiker hinzu, immer wieder bricht ein Saxofon hindurch – stellenweise wird es fast jazzy. Musik zum Schwofen, Schmusen, Schmachten. Wie sagt man? It’s a jam. (Ben-Robin König)


Jennifer Castle: „Monarch Season“ (Heavenly / PIAS)

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Folk Die spektakulären Reisewege der Monarchfalter-Schmetterlinge waren schon ein wiederkehrendes Motiv in Ocean Vuongs grandiosem Roman „On Earth We’re Briefly Gorgeous“. Die kanadische Songwriterin Jennifer Castle nähert sich ebenfalls der Saison der Monarchfalter, klanglich: mit warmem Folk zwischen Julia Holter, Aimee Mann und Norah Jones. Vor Feldaufnahmen: sanftes Gitarren-Finger­picking, auch mal mit angedeuteter Dissonanz – und Harmonika! (Stefan Hochgesand)


Rob Mazurek – Exploding Star Orchestra: „Dimensional Stardust“ (International Anthem)

Orchestral Jazz „Space is the Place!“ wusste schon Sun Ra. Auf ähnlich bewusstseinserweiternden Bahnen bewegen sich Rob Mazurek und sein Chicagoer Avantgarde-Jazz-Kollektiv. Das polyphone Wechselspiel aus Bläsern, gezupften Streichern und warmer Jazz-Gitarre wird von schnörkellosem Schlagzeug und Percussions geerdet. Damon Locks moderiert den Space-Trip lyrisch. Herausfordernde Kompositionen, die zum Sinnieren über das große Ganze einladen. (Linus Rogsch)


2 Chainz: „So Help Me God!“ (Gamebread / Def Jam / Universal)

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Altherren-Trap Rapper als praktizierende Berufsjugendliche und Gewohnheitsprotze haben mit steigendem Alter einen schweren Stand. Irgendwann wurden alle Autos, alle Ketten, alle Geldbündel, all der Sex für sich beansprucht. Regelmäßig muss man die Rente ab 40 oder gar früher fordern, damit alternde Rapstars sich ihr musikalisches Erbe nicht versauen. 2 Chainz hat es doppelt schwierig, er darf qua Namen maximal zwei Ketten für sich beanspruchen und ist mit 43 bereits etwas älter. 

Seiner Produktivität tut dies keinen Abbruch: Mit „So Help Me God!“ kommt nun sein zweites Album in diesem Jahr. Stakkato-Hi-Hats, wummernde 808-Bässe, reduzierter Flow, die bewährten Halbweltsthemen – alles bestens bekannt, alles auch bestens eingesetzt. Selbst allzu offensichtliche Samples wie Hall & Oates funktionieren gut, auch schlechter gealterte Features wie Lil Wayne tun der Hitdichte kaum einen Abbruch. Ein fast klassisch anmutendes Trap-Album. (Ben-Robin König)


Long Tall Jefferson: „Cloud Folk“ (Red Brick Chapel / Irascible)

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Songwriter-Pop Ist das nicht romantisch? Long Tall Jefferson verliebt sich in einen Astronauten und wünscht sich prompt, ein Satellit zu sein. Der Schweizer Simon Borer, der sich hinter dem Saloons suggerierenden Pseudonym versteckt, kann aber nicht nur flotte Popsongs mit Witz, sondern auch elegante Melancholie. So findet Borer genau die richtige Balance zwischen gut abgehangenem Songwriting, überraschendem Humor und vorsichtiger Gefühligkeit. (Thomas Winkler)


King Gizzard & the Lizard Wizard: „K.G.“ (Caroline / Universal)

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Psych-Rock Großes Rätsel: Wie schaffen es diese australischen Knilche, beständig so zu klingen, als wälzten sie sich hauptberuflich sediert über den heimischen Flokati, während sie 16 Alben in zehn Jahren veröffentlichen? Der Fleiß des Kollektivs gebiert mal Meisterwerke – mal etwas egalere, aber solide Dinger wie „K.G.“, das sich nicht so recht zwischen Led-Zep-Unsinn, Disco-Anwandlungen und von türkischem und arabischem Psych inspirierten Jams entscheiden kann. (Julia Lorenz)


Joey G ii: „Pub Talk“ (Orphan. Records)

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Avantgarde-Trinkhallen-Electro „Pub Talk“ heißt das Debütalbum des New Yorker Exilbriten Joey G ii – der Name ist Programm. Auf neun für elektronische Spielarten knackig-kurzen Tracks werden durchzechte Nächte in britischen Kaschemmen verarbeitet. Den Thekensoundclash fängt eine mit gelegentlichen Gitarrenriffs angereicherte Rhythmik aus Garage, 2-Step und 90s Vocal House perfekt ein. Wermutstropfen ist der Gesang: konsequent verspult, bisweilen aber auch karaoke-esque bierselig. (Ben-Robin König)


Mehr Platten im Test: Letzte Woche haben wir mit AC/DC geschunkelt und mit Katy J Pearson gefunkelt. Davor ging es auf zwei Partys – mit Kylie discoid und mit Junglepussy explizit sexpositiv.

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