Platten im Test

Alben der Woche: Nick Cave metzelt, Smerz blubbern, Roosevelt discotiert

Manche müssen bei unseren Alben der Woche nur den ersten Punkt lesen. Sie sagen sich: „Da der Nick Cave seine neue Platte rausgebracht hat, brauch ich keine anderen Pläne mehr für dieses Wochenende. Und auch nicht für diesen März.“ Recht haben sie. Andererseits ist das Schwermütige in diesen ohnehin schon schwermütigen Zeiten natürlich auch nicht allen kathartisch-bekömmlich. Wer tanzen will, ist bei Roosevelt richtig und bei Altın Gün. Kuschelig wird’s bei Tika und bei Lost Horizons. Berlinisch bei der Kreuzbergerin Magdalena Ganter und bei Frànçois & the Atlas Mountains. Crazy-experimentell treiben es die Norwegerinnen von Smerz. Und einen Tipp für Quentin Tarantino haben wir auch: Junge, nimm doch mal die Menahan Street Band für deinen nächsten Soundtrack, aber echt!


Nick Cave & Warren Ellis: „Carnage“ (Awal/Kobalt)

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Schmerzballaden Auch Nick Cave ist nur ein Mensch, und so wie wir alle saß der düstere Australier vom Lockdown gelähmt auf seinem Balkon und vertrieb sich die Zeit mit Lektüre und ziellosem Schreiben. Nach und nach kristallisierten sich daraus acht Songs heraus, die nun auf dem ohne großes Brimborium veröffentlichen Album „Carnage“ zu hören sind. Carnage, das Gemetzel also. Schmerzerfüllte Balladen und wortgewaltige Anklagen sind es, die Cave der Pandemie entgegensetzt. Sein treuer Weggefährte und Konzertmeister, der bärtige Multiinstrumentalist Warren Ellis, arrangierte einen pulsierenden, von klagenden Geigen, Gospel-Chören und schlierender Elektronik durchsetzten Altzeitblues um Caves Texte. Brachial und wunderschön zugleich, beschreiben sie eine introspektive Reise ins dunkle Herz der Isolation.


Reduziert aufs Wesentliche, schöpft Cave aus dem ihm vertrauten Songwriter-Instrumentarium, einem Amalgam aus biblischen Zitaten, bitterer Verzweiflung, Sehnsucht und archaischen Narrativen, das er seit seinen West-Berliner Zeiten immer wieder aufs Neue formuliert, ohne sich dabei wesentlich zu wiederholen, geschweige denn zu langweilen oder in seichte Gewässer abzudriften. Eine Gabe, die den mittlerweile 63-Jährigen als Künstler einzigartig macht.



Nach dem im November 2020 veröffentlichtem Solowerk „Idiot Prayer“, auf dem sich Cave allein am Klavier durch sein Oeuvre spielte, und dem meditativen „L.I.T.A.N.I.E.S“ mit Nicholas Lens im Dezember 2020 hat der rastlose Workaholic der bedrückenden Corona-Gesamtsituation erneut einen Kreativitätsschub abgerungen. Auf physischen Tonträgern erscheint das Album erst im Mai, derzeit ist es nur im Stream zu hören. Auch das passt gut in diese seltsamen Zeiten, so wie dieses mehr als gelungene Werk, dessen Entstehung den aktuellen Umständen geschuldet sein mag, es die Zeiten aber überdauern dürfte. (Jacek Slaski)


Smerz: „Believer“ (XL Recordings/Beggars)

Avant-Pop Ja, was ist das? HipHop? Indie-Pop? Elektronische Avantgarde? Neue Musik? Esoterisches Geblubber? Der Versuch, norwegische Volksmusik ins 22. Jahrhundert zu beamen? Irgendwie ist es alles und zugleich nichts davon, was Henriette Motzfeldt und Catharina Stoltenberg da als Smerz auf ihrem Debütalbum „Believer“ da machen.

Sicher immerhin: Das Ganze ist sehr aufregend. Mitunter nervtötend, dann aber immer wieder berückend schön. Mal hingehuscht, mal mit der Brechstange, mal traditionell, dann wieder provokativ modern. Eine Herausforderung, aber eine, die sich lohnt. (Thomas Winkler)


Roosevelt: Polydans (City Slang)

Disco Kein anderes Album aus Deutschland ging in den letzten Jahren so steil international wie Roosevelts selbstbetiteltes Debüt 2016 – an dem Marius Lauber übrigens schon 2013 unweit vom Bahnhof Neukölln gearbeitet hatte.

Abgesehen davon, dass er aus Berlin weggezogen ist, macht Roosevelt immer alles richtig, diesmal mit noch mehr Klangdynamik: Maximal bittersüße Harmonien treffen auf eine 70s/80s-Disco-Mixtur, die nicht vintage, sondern fresh und fesch klingt. (Stefan Hochgesand)


Altın Gün „Yol“ (Glitterbeat Records/Indigo)

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Oriental-Psych-Pop Die niederländische Combo mit dem Faible für Anadolu-Rock (eine Seventies-Fusion von türkischem Folk und psychedelischem Rock) klingt diesmal deutlich weniger retro. Vermutlich der Tanzflächen-Tauglichkeit zuliebe bringen sie auf dem dritten Album auch treibenden Synthie-Pop in ihrer Soundmixtur unter.

Etwas charmante Patina geht der Musik so zwar verloren, doch die flirrende Beschwingtheit der Stücke macht das wieder wett. Musik, die man baldmöglichst in einem kochenden Club erleben will. (Stephanie Grimm)


Menahan Street Band: „The Exciting Sounds of Menahan Street Band“ (Daptone/Groove Attack)

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Jazz-Instrumentals Es muss so sein: Demnächst wird Quentin Tarantino die Menahan Street Band entdecken, in einem seiner Filme als Hausband einer runtergekommenen Bar am Ende der Welt besetzen und das Sextett richtig groß machen.

Die Begleitband von Charles Bradley und Sharon Jones, deren einzelne Mitglieder schon für die Black Keys, Roots, Budos Band und viele mehr gespielt haben, inszeniert einen retro-atmosphärischen und schwer in die Beine gehenden Sound zwischen Funk, Jazz-Rock, Psychedelia und Filmmusik – und der Gesang fehlt kein bisschen. (Thomas Winkler)


Tika: „Anywhere But Here“ (Next Door/Redeye/Bertus)

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R&B So kann’s gehen: Tika aus Kanada hat Konzerte organisiert. Dann tauchte mal die Band nicht auf und irgendwer musste die Menge vertrösten. Also sang Tika „I Would Die 4 U“ vom „Purple Rain“-Album von Prince. Als Ballade.

Hätte in die Hose gehen können, ging es aber nicht. Tika brachte im besten Sinne die Hütte zum Einsturz. Der Song ist nun auch auf dem Debüt dieser queeren Woman of Color zu hören, nebst R&B, der an die softeren Seiten von D’Angelo und Erykah Badu gemahnt. Und auch an Tracy Chapman. (Stefan Hochgesand)

Magdalena Ganter: „Neo Noir“ (Revolver Distribution/Cargo)

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Lied Hm, ganz schön ungelenk, denkt man. Zuerst. Dann, irgendwann: Ist das Absicht? Tatsächlich schickt einen Magdalena Ganter mit ihrem Solo-Debüt „Neo Noir“ in einen interessanten Zwiespalt: Die vom warmen Anschlag des Klaviers dominierten Balladen, Chansons und zum Teil sogar kabaretthaften Lieder wirken, als sollen sie vor allem hohe Poesie sein, aber stolpern dann doch immer wieder über ihren eigenen Anspruch.

Mitten in diesem Dilemma schildert die ehemalige Sängerin von Mockemalör aber schön und durchaus witzig das Lieben, Leiden und sonstige Leben der modernen Kreuzbergerin. (Thomas Winkler)


Frànçois & The Atlas Mountains: „Banane Bleue“ (Domino/GoodToGo)

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Synthie-Chansons Warum ist die Banane krumm? „Warum blau?“ wäre die bessere Frage beim tagträumerisch-unaufgeregten „Banane Bleue“-Albums von Frànçois & The Atlas Mountains, das sie teils in Berlin aufgenommen haben.

Gemeint ist eine Theorie, die London, Paris, Rhein/Main etc. als bananenförmig verbundene, europäische, ergo blaue Megacity begreifen. Denn Frànçois sieht unser Konzept romantischer Liebe damit verknüpft, wie wir Städte bauen. Smart. (Stefan Hochgesand)


Lost Horizons: „In Quiet Moments“ (Bella Union/Pias)

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Dabei sind unter anderem Soul Veteran Ural Thomas, John Grant, Ren Harvieu, Tim Smith (Midlake), Newcomerin Laura Groves – die Liste großartiger Sänger könnte nicht diverser sein.

Das zweite Album des Studioprojekts von Simon Raymonde (Cocteau Twins) and Richie Thomas (Dif Juz, TJAMC) überzeugt mit Elementen aus Soul, Jazz, Laurel Canyon und 4 AD Dream Pop. Ohne sich in Wolken zurückzuziehen, hat jeder Song einen eigenen Klang (mal von den Drums, mal vom Saxophon, mal von den Streichern geprägt) und stößt wahrlich Fenster auf. Ein UpDate von This Mortal Coil. (Christine Heise)


Mehr Musik

Pauline Anna Strom heilt, Lael Neale bezaubert, SG Lewis tanzt, Slowthai lässt es knallen, aber die Berlinerin Stella Chiweshe ist die Königin. Ihr wollt mehr Musik aus Berlin? Richtig so! Kürzlich ist auch die tolle Platte „Woanders“ von Masha Qrella erschienen – inspiriert vom Berliner Dichter Thomas Brasch. Außerdem haben wir die Berliner Newcomerin Joplyn im Interview über ihren Nacht-Pop aus der Pappelallee. Ihr habt Valentinstag vergessen und wollt es bei euren Liebsten wieder gutmachen? Das sind die 12 Berliner Liebeslieder, die auf eure Love-Playlist gehören.