Platten im Test

Alben der Woche: Nubiyan Twist und Perfume Genius tanzen, Paper Kites feiern

Oft sind Remix-Platten keine große Meldung wert. Aber wenn Perfume Genius Remixe ordert zu seinem Album „Set My Heart On Fire, Immediately“, das 2020 so ziemlich auf allen Bestenliste weit oben stand – dann ist das freilich ganz was anderes! Einige der neuen Interpretationen kommen sogar aus Berlin. In London wiederum gehen Jazz und Afrobeats sogar noch krasser ab als in Berlin. Das geben wir mal neidlos, nein, neidvoll zu. Bei Nubiyan Twist finden die beiden Genres so spanned zusammen wie nirgends sonst derzeit. Was gibt’s noch bei unseren Alben der Woche? Wir haben diese Platten im Test: Wer dachte, der Folk hält gerade Winterschlaf, wird bei den Paper Kites eines Besseren belehrt. Imaginären Urlaub im kalifornischen Canyon verspricht Israel Nash. Doch was zur Hölle ist eine Hardangerfiedel? Erlend Apneseth weiß es und bringt heilsame Entspannung von seltsamer Schönheit.


Nubiyan Twist: “Freedom Fables“ (Strut Records/!K7/Indigo)

Afro-Jazz Selten bereitet das Cover einer Platte so treffend auf das vor, was sich musikalisch auf ihr abspielt. Wie hier bei Nubiyan Twist der Leopard, der vor tropischer Kulisse grazil durch einen in der Luft schwebenden Ring springt, tanzt sich das neunköpfige Gespann aus Leeds auf seinem dritten Album gekonnt durch den Genremix.

Dominant ist ein treibender Afrobeat mit Jazz-Anleihen, allerdings verlässt die Band immer mal wieder die Tanzfläche für Neo-Soul-Verschnaufpausen in loungiger Dachbar-Atmosphäre. Den klanglichen Anker dieses Wechselspiels bildet der durchgehend satte und saubere Sound, der (wie auch das Albumcover) streckenweise an die kalifornischen R’n’B-Jazzer von Joomanji erinnert. Im Zentrum steht die Rhythmusgruppe aus prägnantem Schlagzeug und fettem Bass. Dazu sorgen wahlweise wabernde Synthie-Sounds oder Klavier für einen Harmonie-Teppich, auf dem Bläser und eine helle Jazz-Gitarre Akzente setzen.

Durch den Mix moderiert eine illustre Gruppe aus Gastsängerinnen, die man sich nach der Trennung von Mitbegründerin Nubiya Brandon mit ins Boot geholt hat. Neben Freundinnen wie Ego Ella May oder Soweto Kinch mischt mit Urgestein Pat Thomas auch ein Vorbild der Band mit: Der Ghanaer lässt im Song „Ma Wonka“ unverkennbar das westafrikanische Highlife-Genre einfließen – und damit die musikalischen Wurzeln des Afrobeat. So entsteht eine tanzbare und abwechslungsreiche Collage aus selbstbewussten Blicken nach vorne und reflektierendem Innehalten.

Allerdings bricht die gut organisierte Big-Band nur selten aus den selbstauferlegten Formen aus. Was im Vergleich zu den herausragenden UK-Jazz Alben der letzten Jahre noch fehlt, ist mehr Raum für spontane Reibungsmomente im Zusammenspiel – und der Entschluss, den Ring der vielen Genres nicht nur zu durchspringen, sondern zu überwinden. (Linus Rogsch)


Perfume Genius: „Immediately Remixes“ (Matador/Beggars)

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Avant-Pop Das hier ist nicht irgendein Remix-Album, das die Welt nicht braucht: „Set My Heart on Fire Immediately“ von Perfume Genius war 2020 eines der (völlig zurecht) meistgelobten Alben der Welt. Für seine entsprechend ambitionierte Remix-Edition dieses Albums nun hat Perfume Genius gleich zwei formidable Berliner*innen geladen: Jaakko Eino Kalevi und Planningtorock. Das ultimative Tanzbodenpotential entwickelt der Initial-Talk-Remix von „On The Floor“. Geil! (Stefan Hochgesand)


Paper Kites: „Roses“ (Nettwerk/ADA)

Folk-Revival Für ihr fünftes Album hat die australische Folk-Band großzügig eingeladen: Aoife O’Donovan, Julia Stone, Nadia Reid, Lucy Rose sowie auch Amanda Bergman aus Schweden für das herausragende „Crossfire“. Nicht jeder Song zündet, aber die Stimmen sind hier der Anlass: Alle sind sie Vertreterinnen eines modernen Folk, der Tiefe und Leichtigkeit vereint unter Verzicht auf angestrengtes Expertentum. So wird hier ohne viel Tamtam ein Folk-Revival gefeiert. (Christine Heise)


Erlend Apneseth Trio: „Lokk“ (Hubro)

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Ambient Beim Wort Hardangerfiedel denkt man womöglich an archaische Volksweisen. Der Norweger Erlend Apneseth demonstriert aber mit seinem Trio, wie modern sein Instrument klingen kann. Kombiniert mit Gitarre und Schlagzeug, ergänzt um Drumcomputer und Elek­tronisches, lässt Apneseth auf „Lokk“, einer Auftragsarbeit für ein Tanztheaterstück, eine Musik entstehen, die so traditionell wie neu ist. Wenig greifbar, dabei sehr zugänglich und seltsam schön. (Tim Caspar Boehme)


Israel Nash: „Topaz“ (Loose Music/Rough Trade)

Westcoast „Heart Like A Canyon“ ist ein großes Versprechen, üppiger haben wir den Songwriter nie erlebt. Ein Psychedelic-Westcoast-Country-Rock-Trip, große Gesten und Instrumentierung – Bläser, Hammond, Mundharmonika in Slowmo. Es funktioniert: Einem Land, das an beiden Enden brennt, setzt er Versöhnung entgegen. Das Album erinnert, mehr noch als die vorige EP, an die 70s-Peacenik-Zeiten von Neil Young und verspricht nichts weniger als Healing Love. Word. (Christine Heise)


Mehr Platten im Test

Unter uns gesagt: Die Alben der Woche von letzter Woche sind überhaupt nicht schlechter als die von dieser: Brisa Roché fährt in den Canyon, Kings Of Leon kuschelrocken. Davor gab es einen Nick Cave, der metzelt, Smerz Geblubbere und Roosevelts Disco . Ihr wollt mehr Musik aus Berlin? Dann haben wir für euch 12 Lieder über Berlin aus den letzten 20 Jahren – von Rosenstolz bis Rösinger.