Platten im Test

Alben der Woche: Serpentwithfeet feiert queere Liebe, Noga Erez brodelt

Erster heißer Kandidat für die Platte des Jahres 2021: Serpentwithfeet mit seinem Brandy’esken R&B-Album „Deacon“, das die queere Liebe feiert. In Berlin ist der Gospel-Boy aus Los Angeles kein Unbekannter mehr: Im Prince Charles, im Lido und auf dem Lollapalooza hat er seine Fancrowd bereits hypnotisiert.

Als ob „Deacon“ allein nicht schon genug wäre, kommen auch noch Hammer-Alben von der Berliner House-Produzentiin Sofia Kourtesis, vom Ex-Berliner Electronica-Frickler Clark (auf dem Berliner Label Deutsche Grammophon) – und von Noga Erez, die in Israel schon ein Superstar ist. Meckern auf hohem Niveau bei unseren Alben der Woche: Die Platten von Tune-Yards und von Caribou sind völlig okay, aber beide haben schon Tolleres gemacht.

Und dann ist da noch Ryan Adams, der uns das Leben schwer macht: Die Platte ist seine beste seit anderthalb Jahrzehnten, aber es stehen auch Missbrauchsvorwürfe gegen ihm im Raum – die er in der Platte indirekt auch, wenn wir das richtig verstanden haben, reumütig aufnimmt.


Serpentwithfeet: „Deacon“ (Secretly Canadian/Cargo)

R&B Was hat es mit diesem schrägen ­Namen auf sich? Serpentwithfeet. Eine Schlange mit Füßen. Nun, Josiah Wise, Jahrgang 1988, hat einst als schwuler Teenager im Kirchenchor gesungen – und die ­biblischen Geschichten daher noch mal ­extra präsent: Im Buch Genesis (wir spulen kurz zurück zu Adam und Eva) wird ja schließlich die „Erklärung“ dafür geliefert, warum die Schlange keine Füße (mehr) hat: als Gottesstrafe, denn die Schlange habe Eva zur Sünde verführt. Schon mit seinem Künstler­namen kontert Josiah Wise also dem Sündennarrativ der Bibel – und in seiner Musik tut Serpentwithfeet das allemal, denn er nutzt, subversiv, progressiv, den christlich konnotierten Gospel für seine Homohymnen auf Männer. Oder besser gesagt: auf den einen Mann, der seiner sein soll.


Gesellschaftlich relevant ist das in ­jedem Fall. Obwohl seit den Zeiten von James Baldwins semi-autobiografischem Roman „Von dieser Welt“ (1953), der in einer homofeindlichen Kirchengemeinde spielt, Dekaden ins Land gezogen sind, sind in den USA die christlichen Kirchen nach wie vor die größten Anbieter so genannter Korrektivtherapien mit dem pseudopsychologischen Versprechen, queere Menschen, auch Teenager, „wieder hetero zu machen“. Mit Elektroschocks und ähnlichem. (Empfehlung am Rande hierzu: der Film „Boy Erased“.) Die kirchliche Begründung: Homosexualität sei widernatürlich. Dem stellte die (übrigens katholische) Queer-Ikone Lady Gaga 2011 ihr „Born This Way“ gegenüber.


Serpentwithfeets Sound nun ist auf ­einer zweiten Langspielplatte zurückhaltender, denn seine großen Lehrmeisterinnen im R’n’B sind Janet Jackson und, vor allem, Brandy. Dabei schwingt sich Serpents Stimme über zarten Bombastbeats und jazzigen Klavierläufen schmetterlingsleicht in die Höhen, wenn er von einer Hyazinthe singt, die sich in einen, seinen Mann metamorphosiert. So homo und so high war lang nichts mehr. (Stefan Hochgesand)


Noga Erez: „Kids“ (City Slang/Rough Trade)

Pop „Lalala“ macht der Chor, und dann Noga Erez: „I‘ve been depdepdepdep“, kurz eingeatmet, der Rhythmus hüpft weiter beschwingt, „deeply depressed“. So nah liegen schon zu Beginn die Extreme beinander auf „Kids“, dem neuen Album des israelischen Stars, einem Album, das sich als Happy-go-lucky-Pop tarnt, geschickt spielt mit aktuellen Trends aus HipHop und R&B, auch einfach so wegdudeln könnte, aber unter der Oberfläche brodelt es. Da werden sie alle verhandelt, die Widersprüche, die sich im Leben der modernen Urbaniten so finden lassen. Und das sind einige. (Thomas Winkler)


Tune-Yards: „Sketchy.“ (4AD/Beggars)

Art-Soul Was ist erbarmungsloser als ein enttäuschtes Musikfanherz? Im Fall von Tune-Yards, dem kalifornischen Duo aus Merrill Garbus und ihrem Bassisten Nate Brenner, ist die Enttäuschung zwar unfair. Denn diese dirty-aufbrausende Platte ist an sich völlig in Ordnung. Aber, großes Aber, sie ist eben längst nicht so geil wie der Vorgänger von 2018. Und selbst den stärksten Song, „Nowhere, Man“, eine Abrechnung mit Jesus, Dylan und Lennon, verpulvert man als Opener. Hm. (Stefan Hochgesand)


Clark: „Playground In A Lake“ (Deutsche Grammophon/Universal)

Ambient Chris Clark war immer schon ein Grenzgänger unter den Elektronica-Produzent*innen. Deshalb klingt sein mit klassischem Instrumentarium eingespieltes Klimakrisen-Konzeptalbum für die Deutsche Grammophon besser, als sich dieser Mix zuerst liest. Nämlich nach Jóhann Jóhannsson: ästhetisch unbeschwert und emotional eindrücklich. “Playground in a Lake” ist eine der seltenen Platten, auf denen Orchester-Pomp und experimentelle Ansprüche sich nicht im Weg stehen, sondern ihn gemeinsam beschreiten. (Kristoffer Cornils)


Sofia Kourtesis: „Fresia Magdalena EP“ (Ninja Tune)

House Hier in der Stadt geht die Berlinerin Sofia Kourtesis gerade noch als Geheimtipp durch, aber Medien in New York und London rasten schon aus – zurecht. Auf ihrer dritten EP beweist sie, dass sie das Schwermütige und das Leichtfüßige fusioniert wie kaum jemand sonst zurzeit. „Dakotas“ ist eine Hommage auf den düsteren Sound von Berlin; die anderen vier groovig melodischen Tracks sind eher was für die Panorama Bar als für den Berghain-Mainfloor. Album bald, bitte! (Stefan Hochgesand)


Caribou: „Suddenly Remixes“ (City Slang/Rough Trade)

Electro Mit “Suddenly” schlidderte Dan Snaith alias Caribou 2020 in die Anfangswehen der Pandemie. Nun schnallt er die Birkenstocks ab und die Tanzschuhe an. Alte Hasen (Four Tet, Morgan Geist, Floating Points) und junge Spunde (Shanti Celeste, Logic1000, Kareem Ali) liefern CDJ-Futter, zwischendurch bieten Toro Y Moi und Jessy Lanza entspannte(re) Töne für die Zuhause-Versacken-Playlist. Als Remix-Paket nicht nur seines Umfangs wegen – 12 Tracks! – etwas übermotiviert, dafür aber ansteckend optimistisch aufgelegt. (Kristoffer Cornils)


Ryan Adams: „Wednesdays“ (Pax Americana)

Alt-Country Zu Beginn des Jahrtausends ­dachten wir, Ryan Adams wird der nächste Bob Dylan oder zumindest der neue Neil Young. Nach 2005 sackte die Qualität leider ab, und dann kamen zuletzt auch noch Missbrauchsanschuldigungen von Frauen hinzu. Das hat man natürlich im Hinterkopf, wenn Ryan sich hier reumütig gibt und seine (wertfrei gemeint) kranke Seele durch fragile Americana-Sounds suhlt. Schon in sich tragisch: Es ist sein bestes Album seit anderthalb Jahrzehnten. (Stefan Hochgesand)


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