Platten im Test

Alben der Woche: Slowthai lässt es knallen, aber Stella Chiweshe ist die Königin

Immer diese Leute, die beklagen, gecancelt zu werden und dabei tatsächlich maximale Aufmerksamkeit für sich generieren (siehe Lisa Eckhart). Slowthai, der ebenfalls das Canceln geißelt, hat bloß leider eine geile Platte gemacht – eins unserer Alben der Woche. Mist!

Steiner & Madlaina aus Zürich indes bemäkeln, dass wir Weißweinschorle trinken – und uns ansonsten opportun ergeben. Meinen die etwa Leute aus Prenzlauer Berg? Schwer gehypt ist der Cloud-Pop von Claud. Aber erfällt die Platte die Erwartungen? Die Berlinerin Stella Chiweshe übrigens hat sich einst in Simbabwe illegal die Mbira beigebracht. Jetzt kommt ihr bahnbrechendes Album „Ambuya“ als Re-Release.


Slowthai: „Tyron“ (Polydor/Universal)

Grime-Punk „How you gonna cancel me?“, spittet Skepta stellvertretend für Slowthai über einen Drillbeat. Nach dessen unmöglichem Auftritt bei den NME Awards 2020 wäre das schließlich fast passiert. „Tyron“ nun ist aber nur vordergründig angriffslustige Bad-Boy-Pose: Liefern die ersten sieben Tracks – betitelt in All-Caps inklusive A$AP-Rocky-Feature – gewohnt roughe Breitschulterigkeit, zeigt sich der Grime-Punker mit den schwarzen Grills auf den anderen sieben introspektiv.

Hoffentlich konnten ihm seine Featuregäste James Blake und Mount Kimbie ein paar Manieren einimpfen. Dieses Album ist nämlich definitiv too good to get cancelled. (Laura Aha)


Steiner & Madlaina: „Wünsch mir Glück“ (Glitterhouse/Indigo)

Pop Der schlauste Song zur Zeit kommt aus Zürich. In „Es geht uns gut“ sezieren Steiner & Madlaina die irgendwie beunruhigte, was-tun-wollende, Weißweinschorle trinkende Mehrheit, die aber dann doch „zu faul für jegliche Debatten“ ist, während der Rhythmus gebrochen daherstolpert wie alle Versuche, den Zustand dieser Welt zu verbessern.

Diesen Zwiespalt gießt das Duo in stets eingängige, aber immer hintergründige Songs, die von Sexismus und Politikmüdigkeit ebenso handeln wie von Lächeln und Liebesbeziehungen. (Thomas Winkler)


Claud: „Super Monster“ (Saddest Factory/Cargo)

Bedroom-Pop Phoebe Bridgers, wie wohl meistgelobte Singer-Songwriterin zurzeit, hat ein eigenes Label gegründet namens Saddest Factory: die traurigste Fabrik. Oha. Der erste Act auf diesem Label ist Claud, 21, aus Chicago.

Claud, geschlechtlich non-binär, erzählt auf melodisch eingängigem Lofi-Pop-Gerüst von kommunikativen Hemmungen und After-Party-Dates in der Pizzeria. Noch nicht der ganz große Wurf, aber Drive ist definitiv da. Ein Artist-in-the-making. (Stefan Hochgesand)


Stella Chiweshe: „Ambuya!“ (Piranha Records)

1987 stellte sich noch die Frage „Ambuya?“, 34 Jahre später lautet die Antwort „Ambuya!“. Mit der (per Crowdfunding möglich gemachten) Wiederveröffentlichung des Albums schließt sich nun ein Kreis im Leben von Stella Chiweshe. Jener außergewöhnlichen Musikerin, die neben ihrem Wohnort in Harare seit den 1980er-Jahren auch in Berlin wohnt und seitdem musikalische Brücken zwischen Afrika und Europa baut.

„Ambuya!“ also. Mit dieser ehrerbietenden Ansprache wendet man sich in Stella Chiweshes Geburtsland Simbabwe an ältere Frauen, Großmütter etwa. Als die Mbira-Spielerin 1987 das Album für das Piranha Label einspielte war sie 40, noch galt die Anrede nicht ihr. Heute, mit bald 75, gebührt auch ihr der würdigende Titel.

Polyrhythmisch, expressiv, lebensbejahend und stets mit der nötigen Distanz zum „Weltmusik-Zirkus“ setzte sie mit „Ambuya?“ ein Zeichen für emanzipierte Folklore, für einen unverstellten und doch sehr eigenen Zugang zu den rhythmischen Überlieferungen ihrer Heimat. Eine Nische, doch dort war sie eine Sensation.

Denn als Frau hätte sie das traditionell vom Volk der Shona gespielte Instrument eigentlich gar nicht in die Hand nehmen dürfen. Bis in die 1960er-Jahre war es unter Androhung einer Gefängnisstrafe explizit verboten. Doch Chiweshe setzte sich über Konventionen hinweg, eignete sich die Techniken des Lamellophons an, experimentierte mit den Klängen und erweitere immer weiter die kompositorischen Möglichkeiten. Sie agierte frei, ohne das kulturelle Vermächtnis aus den Augen zu verlieren. Heute gilt sie völlig zurecht als die unumstrittene Königin der Mbira.

„Ambuya?“, auf dem sie mit den schrägen Globalmusik-Punks 3 Mustaphas 3 kooperierte und eine elektrisch verstärkte Mbira zum Einsatz kam, begeisterte sogar den legendären Radio-DJ John Peel, der Chiweshe zu einer Session nach London einlud. Diese Aufnahmen sind nun auf der auf dickem Vinyl erschienenen Neuauflage als Bonustracks zu hören.

Von dieser Londoner Session an galt ihr Name, sie wurde zur innovativen Pionierin der Musik Simbabwes, gab in der ganzen Welt Konzerte und engagierte sich für den Aufbau des Chivanhu Centre unweit von Harare, einer Einrichtung, in der die Mbira- und Shona-Kultur bewahrt und an die nächste Generation weitergegeben werden soll. Mehr als Stella Chiweshe kann man für die musikalischen Tradition der eigenen Heimat nicht tun, sie hat der Sache ihr gesamtes Leben gewidmet und „Ambuya!“ steht am Beginn dieser Erzählung. (Jacek Slaski)


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