Platten im Test

Alben der Woche: Sophie Hunger halluziniert und Tricky trauert

Hat jemand Sex gesagt? Nein, Sax. Sax and the City. Denn Nubya Garcia macht gerade alle Welt wuschig mit ihren Saxofonklängen. Ist sie am Ende besser als Kamasi Washington? Apropos besser: Wer rappt besser über überkommene Männlichkeitsbilder? Der Sohn eines Hollywood-Stars oder der Ostberliner? Außerdem haben wir diese Woche mit Disclosure den perfekten Dance-Soundtrack unter dieser immer so schön intensiven Spätsommersonne gefunden – und mit Private World auch direkt noch den für die Zwangspause von „Stranger Things“. So lässt man sich den Start ins Wochenende doch gefallen.


Solo mit der Gitarre: Sophie Hunger, Foto: Jeremiah

Sophie Hunger: „Halluzinationen“ (Caroline / Universal)

Electro-Pop Berlin ist nicht mehr das, was es mal war. Ob man die neue Stille gut findet oder nicht, eines ist auf jeden Fall klar: Ohne Clubs, ohne Hedonismus, ohne Nachtleben, ja: auch ohne Touristen ist die Stadt kaum wiederzuerkennen. Deshalb klingt „Halluzinationen“, das neue Album von Sophie Hunger, wie eine wehmütige Erinnerung. Denn zwar ist dieses siebte Album der Schweizer Musikerin nachgerade altmodisch aufgenommen worden, nämlich live und oft in einem einzigen Take in den berühmten Abbey Road Studios in London. Trotzdem hat die Wahlberlinerin – ob absichtsvoll oder eher zufällig – jene typische Berliner Mischung vertont, die durch die Corona-Pandemie akut vom Aussterben bedroht ist.

Mit ihrem letzten Album „Molecules“ hatte die mittlerweile 37-jährige Hunger ihre Erfahrungen in den Berliner Clubs verarbeitet und erstmals ausführlich, mitunter noch ungelenk mit elektronischen Klängen experimentiert. Auf „Halluzinationen“ wird – wieder mit Hilfe des Produzenten Dan Carey, der vor allem mit seiner Arbeit für Kate Tempest und Black Midi bekannt geworden ist – das eigenwillige Pop-Verständnis von Hunger sehr viel organischer mit den Beats aus dem Computer verschmolzen.

Schon der Opener „Liquid Air“ taugt als Soundtrack für die After-Hours-Party, während das darauffolgende „Finde mich“ (mit der schönen Zeile „Ich Granit, Du Kristall, zusammen sind wir Zucker“) den Hunger’schen Singer/Songwriter-Pop mit nervösem Flattern unterlegt. Das aufgeräumte „Everything is Good“ ist ein Hit für einen sonnendurchtränkten Tag am Spreeufer, das Arrangement von „Maria Magdalena“ versöhnt wie gute Neo-Klassik die elektronische Musik mit dem Klavier, im Titeltrack „Halluzinationen“ rappt Hunger sogar versuchsweise. Fast jeder Song ließe sich einem Ort in Berlin zuweisen, einem Gefühl oder doch wenigstens einer Stimmung, die von der Krise betroffen sind. Sophie Hunger erinnert uns daran, was wir verloren haben – und hoffentlich irgendwann wiedergewinnen werden. (Thomas Winkler)


Disclosure: „Energy“ (Island / Universal)

House-Pop Es gibt Jahre mit guten Sommerhits, aber eigentlich gibt es mehr Jahre mit schlechten Sommerhits, die einem spätestens einen Sommer später peinlich sind wie die platinblondierte Dauerwelle aus dem alten Fotoalbum – oder die SMS von gestern Nacht. Wer hätte gedacht, dass wir ausgerechnet im Jahr 2020, das nun echt das beschissenste Drehbuch seit langem hat, einen so fantastischen Tanzboden-Soundtrack für den Spätsommer bekommen? Man gönnt uns ja sonst nichts, aber den haben wir uns jetzt echt verdient. Ist so. Die Gebrüder Guy und Howard Lawrence (Jahrgänge 1991 beziehungsweise 1994) sind die britischen Beat-Bros, die nicht an den Kickdrumkicks geizen. Wozu auch? Es bringt so viel Spaß! Four-on-the-Floor treiben es die beiden mit ihren zahlreichen Gastvokalist*innen, aber nicht plump, sondern mit diesem geilen Groove, sexy synkopiert, der schon vor dem ersten Zitrus-Cocktail in die Schenkel fährt. Jetzt soll bitte niemand mehr kommen, der einem dieses exorbitante High vermasselt. „My What? My High! Don’t Fuck up … My High!“ Danke, Jungs, das unter der Spätsommersonne und das Leben ist loca und dolce und dope. (Stefan Hochgesand)


Nubya Garcia: „Source“ (Concord Jazz)

Saxofon-Jazz Als Schlüsselfigur des hippen Londoner Jazz war Saxophonistin Nubya Garcia in den vergangenen Jahren äußerst gefragt. Ob auf Tour mit ihren Solo-EPs, mit ihren zwei Bandprojekten Nerija und Maisha oder auch als Gast auf Alben von Genregrößen wie Schlagzeuger Makaya McCraven – Garcia schien zu ahnen, dass man vor dem Lockwon-Jahr 2020 noch möglichst viel mitnehmen sollte. In den kurzen Ruhepausen auf Tour hielt die heute 28-jährige Britin mit karibischen Wurzeln noch neue Ideen fest, die sie kurzerhand in zwei Studiosessions mit altbekannten Weggefährt*innen aufnahm.

Das Resultat „Source“ offenbart ihre Fähigkeit, die vielfältigen musikalischen Einflüsse der letzten Jahre, wie etwa die Cumbia Kolumbiens, in einem organischen Sound mit den eigenen Wurzeln in Jazz und Dub zu vereinen. Mit warmen Harmoniegerüsten, klanggewaltigen Improvisationen und unaufdringlichen Chören gelingt Garcia eine gut abgestimmte Balance, die trotz des Tourlebens vor der Pandemie keine Rastlosigkeit, sondern innere Ruhe und Selbstbewusstsein ausstrahlt. Der satte Sound ihres nachhallenden Tenorsaxofons erinnert dabei zuweilen an den kalifornischen Saxofon-Kollegen Kamasi Washington, wobei Garcia mit ihrem weichen Spielstil das Instrument seltener zum Knarzen bringt – und auch bei virtuosen Ausbrüchen die angespielten Töne in einem Fluss miteinander verbindet. Ein Debüt-Album, das den Jazz ohne viele elektronische Mittel der Modernisierung tiefer ins 21. Jahrhundert trägt. (Linus Rogsch)


Tricky: „Fall To Pieces“ (False Idols / Indigo)

Triphop Tricky, Wahlberliner und Triphop-Hero wider Willen, kennt die tiefsten Tiefen – und seiner Musik hat man sie auch immer angehört. Mit seinem neuen Album “Fall to Pieces” geht es aber nochmal tiefer hinein in das Herz des Schmerzes: Vergangenes Jahr starb seine Tochter mit gerade mal 24 Jahren. Aus diesem Verlust hat Tricky nun ein Album geschaffen, das die Schwere und Leere mit Leichtigkeit und Hoffnung verbindet. Der Höhepunkt: das intensive, brutal ehrliche und doch wunderschöne “Hate This Pain” als Tribut an seine Tochter. (Aida Baghernejad)


Private World: „Aleph“ (Dais / Cargo)

80s-Pop Scheiße, wegen Corona müssen wir jetzt auch noch länger auf die neue Staffel der 80s-Mystery-Serie „Stranger Things“ länger warten mit ihren schaurigen Monster-Momenten, ihrer perfekten Mixtur aus Action und Ruhe und Witz und ihrem melodischen Soundtrack, der sich so anfühlt, als hätte man eine Kassette aus den 1980ern auf dem Dachboden (Vorsicht, Monster!) gefunden. Abhilfe schaffen kann das Album „Aleph“, auf dem warme Klangfarbpaletten wie vom legendären Synthesizer Yamaha DX7 einen die schnöde Corona-Tristesse vergessen lassen. Nostalgisch, meist im Midtempo und mitunter melodramatisch tauchen wir auf „Aleph“ in die Achtziger. Spandau Ballet und der junge Peter Gabriel lassen grüßen. Wer Gefallen daran findet, sollte weiter im Label-Katalog von Dais blättern, wo sich auch Bands wie Drab Majesty und Molchat Doma finden, mit denen Private World schon auf Tour waren. (Stefan Hochgesand)


Girl Friday: „Androgynous Mary“ (Hardly Art / Cargo)

Indie-Rock Ein gitarrenlastiger Soundtrack für den letzten Roadtrip des Sommers, bevor der Herbst endgültig an der Türe anklopft: Das liefern die vier Musikerinnen hinter der Band Girl Friday aus Kalifornien mit „Androgynous Mary“ ab. Ein wenig aus der Zeit gefallen ist dieses Album, eher würde es in die Jahre zwischen 2000 und 2010 passen. Doch genau das trägt zum in Erinnerungen schwelgenden Unterton bei. Girl Friday nehmen sich Zeit für längere Instrumentalintros. Mal unisono, mal in unterschiedlichen Tonlagen, mal rauchig, mal säuselnd, mal kratzig: Die Musikerinnen lassen sich mit ihren Stimmen zwischen E-Gitarrenriffs und eingängigem Bass treiben. Damit gelingt es ihnen, sich aus ihrer Melancholie immer wieder selbst herauszuziehen. Melodisch-kratziger Indie-Rock, der sich zwischen Silversun Pickups, Muse und Daughter bewegt. Nicht revolutionär, doch angenehm eingängig. (Klaudia Lagozinski)


Vandalismus: „Gloria und Schwefel“ (Audiolith / Broken Silence)

Deutsch-Rap Vandalismus macht auch Musik, „wenn es sich nicht rechnet und bezahlt macht“. Und dafür sollten wir dem in Ostberlin geborenen Rapper alle dankbar sein! Denn fernab von Phrasendrescherei, Autotune-Exzessen und Hype veröffentlich der ehemalige Hobby-Kleptomane und Videotheken-Mitarbeiter eines der besten Deutschrap-Alben des Jahres. Seine cineastische Leidenschaft erklärt wohl die unzähligen, ausnahmslos stimmigen Sprachsamples, die zumeist aus mehr und minder bekannten Filmen entnommen sind und sich auf den atmosphärischen Beats bestens einfügen.

Vandalismus erzählt von seinem Stubenhocker-Dasein, dem Verhältnis zum eigenen Körper und seinem Standing als Untergrund-Künstler. Dabei wirkt Vandalismus der Gesellschaft schon so weit entfremdet, dass seine Kommentare oft wie die eines Außenstehenden klingen. In „Maskulina“, einem seiner stärksten Songs, geht es um überkommene Männlichkeitsideale und damit verbundenes pubertäres Gehabe. Am Ende hält Vandalismus triumphierend fest: „Neue Männer hat das Land bekommen. Liebevoll, charmant, besoffen.“ Der ganze Reiz seiner Musik lässt sich aber nur in Kombi mit den weniger geistreichen Zeilen erleben, in der großartige Stimmung aufkommt. „Gloria & Schwefel“ ist Rap für Schmuddelkinder, wie es auf dem gemeinsamen Song mit dem Berliner Rapper PTK (Akronym für „Pöbel tötet König“) heißt, und für all jene, die auf atmosphärisch dichten Deutsch-Rap stehen. (Benedikt Kendler)


Sevdaliza: „Shabrang“ (Butler / H’Art)

Avantgarde Sevdalizas zweites Studioalbum „Shabang“ ist ein experimenteller Klangteppich, ein Ritt durch Genres, der keine Grenzen kennt. Die niederländisch-iranische Songwriterin und Produzentin vereint klassisches Klavier mit experimentellen Elektrobeats, Autotune-Sequenzen mit gefühlvollen Geigen. Oft lässt sich Sevdaliza auf einen Dialog mit dem Klavier ein: Sie diskutiert mit einer klaren, aber flattrigen Stimme – teils harmonisch, teils dissonant – mit dem Tasteninstrument. Es scheint, als würde die Songwriterin, die im Alter von vier Jahren mit ihren Eltern von Teheran in die Niederlande floh, auf diesem Album alle musikalischen Einflüsse, die ihr in ihren 33 Lebensjahren begegnet sind, verarbeiten: auf Englisch, auf Persisch, in Geschichten und Mantras. Was bei diesem Experiment entsteht: 15 Tracks (von denen jeder ein Kunstwerk für sich ist), die sich nirgendwo einordnen lassen; die frisch und gleichzeitig gewöhnungsbedürftig anmuten. (Klaudia Lagozinski)


Jaden: „CTV3: Cool Tape Vol. 3“ (Roc Nation / Universal)

CTV3: Cool Tape Vol. 3 [Clean]

Hip-Hop-Pop Was hat jemand, der als Sohn einer der größten Filmstars unserer Zeit (Will Smith), ohne jegliche materiellen Sorge, in einer von der restlichen Welt abgeschirmten Hollywood-Parallelwelt aufwächst, zu erzählen? Anscheinend nicht ganz so viel. Ist Jaden Smiths neues, 17 Song starkes, Album deshalb schlecht? Keineswegs, nur vorhersehbar. Eine kleine Ausnahme ist der schmissige Song „Boys and Girls“, in dem Jaden seiner Generationen entgegengebrachte Ungerechtigkeiten anklagt und die Handlungsmacht junger Menschen betont. Ein Lied, das wie gemacht wäre für die nächste Fridays-for-Future-Demo, wenn es nicht so arg konform wäre. Und manch ein Song, wie zum Beispiel „Everything“, in dem das titelgebende Wort ganze 36-mal vorkommt, gerät nicht nur musikalisch in einem nervigen Sinne redundant.

Man merkt dem Album an, dass es nicht von einem 22-Jährigen in seinem Kinderzimmer produziert wurde, sondern von einem, dem ein gewaltiges Team und die besten Tonstudios zu Verfügung standen. Die Lieder klingen allesamt gut, die Texte sind frei von Peinlichkeiten und befolgen alle Regeln des Songwritings. Vielleicht liegt es daran, dass das Album ein wenig langweilt. Aber wenn wir dann abends gesellig mit unseren Freunden beisammen sind, werden wir uns alle auf die leichten Songs des immer schick und oft androgyn gekleideten, und auch als Modedesigner tätigen, Jaden einigen können. Und das gelingt nun bei weitem auch nicht jedem Künstler. (Benedikt Kendler)


Mehr Musik in Berlin

Mehr zum Thema: Letzte Woche hat uns Kelly Lee Owens klanglich das Herz geheilt. Wer bei Disclosure viel Bock auf Tanzerei bekommen hat, wird wohl beim Festival Simulator glücklich, dem gigantischen Rave von Berghain-Resident Phase Fatale. Und sogar das Berghain, wo Phase Fatale oft auflegt, hat wieder auf, zumindest der Garten mit Hygiene-Konzept. Doch wie komme ich eigentlich ins Berghain? Richtig rein ins Gebäude kann man unterdessen aber auch: um Kunst im Berghain zu sehen. Und auch andere Clubs lassen sich nicht lumpen, sondern fahren neue Konzepte auf. Was sonst noch dieses Wochenende in Berlin los ist, lest ihr hier.

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