Platten im Test

Alben der Woche: Sufjan Stevens inhaliert Weihrauch, Tokimonsta tanzt

Sommer ist vorbei, und der Herbst kommst schon hereinspaziert. Uff. Da braucht man ein paar alte Weggefährten, um es sich zumindest klanglich warm am (virtuellen) Kamin zu machen: Sufjan Stevens, Fleet Foxes und Bill Callahan liefern uns Platten zum Test. Wir haben trotzdem auch Bock auf Neuentdeckungen, von den Tokimonsta-Remixes über Internet-Hype Joji (taugt der was?) bis hin zu A.G. Cook, von dem plötzlich alle reden. Hier sind unsere Alben der Woche.


Sufjan Stevens: „The Ascension“ (Asthmatic Kitten / Cargo)

The Ascension

Songwriter-Pop Wer bei der letzten Szene des schwulen Coming-of-Age-Films „Call Me By Your Name“ (2017) keinen Tränenwasserfall bekommt, sollte checken lassen, ob er noch ein Herz hat (vermutlich nicht). Vorsicht: Solche Menschen stecken auch Gecko-Babys in den Hackmixer. Den Soundtrack für die Szene geschrieben hat der Songwriter Sufjan Stevens. Während Elio (Timothée Chalamet), allein vor dem Kamin, dem großen Liebessommer-High mit Oliver hinterherschluchzt, singt Sufjan Stevens von ersten und letzten Berührungen, aber auch von Gideons Visionen. Gideon, wer? Ein Prophet aus dem Alten Testament. Elio und Oliver sind Juden. Bei Sufjan Stevens sind schwule Liebe und Religion keine Widersprüche. Auch das Oscar-nominierte „Mystery of Love“ (ebenfalls aus „Call Me“) kann man als Hohelied auf die menschliche Liebe verstehen; „mystery“ andererseits verweist, christlich gedacht, auf das göttliche Heilsgeschehen.

Anders als bei Kanye West, Johnny Cash und Bob Dylan, die einem ihre Jesusliebe oft übertrieben dick aufs Brot schmierten, konnte man das bei Sufjan Stevens bisher, wenn man wollte, auch leicht ignorieren. Diesmal nicht: Stevens besingt die Liebe zum Gottessohn unmissverständlich. Warum auch nicht? Vielleicht waren die Jesus-Jünger ja die erste Homo-WG? Klanglich unterschiedet sich das Himmelfahrtsalbum „The Ascension“ nun mit seinen sphärischen Synthies und sogar treibenden Beats doch sehr vom letzten reguläen Studio-Album „Carrie & Lowell“ (2015), Stevens’ unübertreffbarem, akustisch reduziertem Meisterwerk übers schwierige Verhältnis zur verstorbenen Mutter. Und doch ist es sein stimmiger Schritt, wenn man die Ballettmusik und auch das Avantgarde-Album mit seinem Stiefvater kennt. Stevens’ Weihrauch enthält Opium, aber nicht fürs Volk – sondern eher queer as folk. (Stefan Hochgesand)


A.G. Cook: „Apple“ (PC Music)

Apple [Explicit]

Angeber-Electro Wer sich schon mal gefragt hat, was Musik alles sein kann, der bekommt mit „Apple“ ein denkbar breites Angebot serviert. A.G. Cook, der sonst auch Hits von Charli XCX designt, präsentiert nur wenige Wochen nach seinem im August erschienen Debütalbum „7G“ eine weitere Präsentation moderner Produzenten-Tools, die von klassischen Songs über Dream Pop und Boller-Beats bis zu experimentellen Stücken reicht. Zugegeben, diese Leistungsschau wirkt manchmal akademisch, ist aber schon auch sehr beeindruckend. (Thomas Winkler)


Fleet Foxes: „Shore“ (Anti- /Indigo)

Drama-Folk Den wärmsten Herbst-Kuschelpulli, den man 2008 erstehen konnte, gab’s damals in der Plattenboutique: das selbstbetitelte Debüt-Album der Fleet Foxes. Was waren das für Folk-Hymnen. Choräle geradezu über Gitarren! Beach Boys in noch schwermütiger. Pathetisch und erhaben. Naiv und sentimentalisch. Schiller würde ausrasten! Auf dem Nachfolger „Helplessness Blues“ 2011 hat Robin Pecknold, Meistergeist der Band aus Seattle, dann auch noch bewiesen, mit Stücken wie „Blue Spotted Tail“, dass sein Songwriting so stark ist, dass er die gesalzene Choral-Klangzuckerwatte nicht mal braucht, um volle Wirkung zu entfalten. Inzwischen klingen die Fleet Foxes in ihrem Herzzerreißen leider etwas routiniert, auch wenn sie öfter Dur-Kontrate setzen als früher. Völlig ok, aber diese unbedingte Dringlichkeit von früher ging doch flöten. Da hilft nur: die alten Platten wieder rauskramen. (Stefan Hochgesand)


Joji: „Nectar“ (Warner)

Nectar [Explicit] Album der Woche

R&B Als 2012 Menschen in der ganzen Welt in YouTube-Videos skurril kostümiert zu dem Song „Harlem Shake“ rumzappelten, hatte Joji daran einen bedeutenden Anteil. Er begründete das Meme, damals noch Vollblut-Youtuber, mit einem Video, in dem er in einem Elastan-Ganzkörperanzug durch sein (Jugend-)Zimmer tanzte, das schnell tausende Nachahmer fand. Sein neues Album „Nectar“ wirkt musikalisch so gesetzt, dass man gar nicht glauben mag, dass Joji sich noch vor einigen Jahren zu Unterhaltungszwecken in pinken Kostümen in der Öffentlichkeit auf dem Boden wälzte; was bestätigt: Die Entscheidung, seine YouTube-Karriere zugunsten der Musik an den Nagel zu hängen, war die absolut richtige.

Auf „Nectar“ beweist Joji endgültig sein musikalisches Talent, schafft es durch den Einsatz seiner auch in den hohen Stimmlagen noch kräftig klingenden Stimme einen vielfältigen Sound zu kreieren, der durch die Kombination verschiedener Stilelemente des R&Bs, Lo-Fi Traps und Electro selten Gefahr läuft, sich in Monotonie zu verlieren. Viele Songs zeichnen sich durch einen starken Kontrast zwischen Refrain und Strophe aus, der zumeist wohltuende, neue Akzente setzt („Modus“, „Sanctuary“, „High Hopes“) und auch mal irritiert (777). Ein besonderes Highlight ist der auch musikalisch aus dem restlichen Album herausstechende Song „Tick Tock“, der sich mit der Vergänglichkeit von Liebe auseinandersetzt – und zum Glück kein Comeback Jojis auf der ähnlich titulierten Teenager-Videoplattform ankündigt. (Benedikt Kendler)


Tokimonsta: „Oasis Nocturno (Remixed)“ (Young Art Records)

Alben der Woche: Oasis Nocturno (Remixed)

Dance Egal, ob man das 2020er Album „Oasis Nocturno“ der Produzentin Tokimonsta aus Los Angeles, Jahrgang 1988, verpasst hat oder eh schon abfeiert. Beziehungsweise: Nein, egal ist das natürlich nicht, aber in beiden Fällen kann die Remix-Version ein super Einstieg sein in den Klangkatalog der Grammy-nominierten Künstlerin mit koreanischen Wurzeln – die für extrastarke Vocals in warmem, Hip-Hop-affinem Electro steht. Das Duo Soul Clap aus Boston beispielsweise verpasst dem Track „Get Me Some“ ein leicht höhere BPMs, einen sexy Groove und Orgelbassläufe. Insgesamt viel Tanztrost neben ein paar Slomo-Reworks. Mögen die Nachbar*innen gnädig sein, wenn man hier mal aufdreht! (Stefan Hochgesand)


Bill Callahan: „Gold Record“ (Drag City / Indigo)

Singer/Songwriter Die Songs von Bill Callahan waren ja schon immer, sagen wir mal: eher ruhig. Mit „Gold Record“ erreicht der Smog-Mastermind allerdings neue Höhen der musikalischen Ereignislosigkeit. Über gedämpftem Gitarrengeklimper erklärt Callahan in seinem emotionsarmen Sprechgesang die Welt und das Leben, er durchlebt Traumgeschichten und mosert in „Protest Song“ über jüngere Singer/Songwriter-Kollegen, die ihr Publikum mit billigen Parolen einwickeln. Nein, so einfach macht es sich Callahan nicht – und uns auch nicht. (Thomas Winkler)


Mehr zum Thema: Letztes Mal hat uns bei den Platten der Woche Alicia Keys enttäuscht – dafür fetzt Fenne Lilly. Davor haben wir mit dem jungen Glitzerboy Declan McKenna seinen unglaublichen Charts-Sieg über die Rolling Stones gefeiert. Falls mal selbst die schönste Musik nicht hilft, muss es vielleicht Schokolade sein – wir wissen, wo ihr die besten Süßigkeiten bekommt in Berlin.

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