Platten im Test

Alben der Woche: Travis zurück beim Rock’n’Roll und Mary Lattimore harfiert

Natürlich würde es niemand zugeben, weil wir alle viel zu cool, berlinisch und verbittert sind. Aber eigentlich ist „Why Does It Alway Rain On Me“ von Travis natürlich unser aller Lieblingssong. Der Soundtrack, den wir summen, während Berlin neun Monate des Jahres Pisswetter hat; und auch dann, wenn wir es uns unter unserem Kuschelkissen gemütlich gemacht haben, während der Wasserschaden in der Wohnung über uns sein Kackwasser auf uns niederblubbern lässt. Das darf jetzt als Metapher oder auch im Wortsinn verstanden werden.

Jedenfalls: Travis sind zurück, und sie zelebrieren, wie schon lang nicht mehr, den Rock’n’Roll. Why don’t you alway rock with me? Wir haben aber auch allerlei Schönes für euren Kuschelkamin: Pop in Moll von Jónsi, Harfiges von Mary Lattimore und Hausmusik von den Berliner Brüdern Ceeys. Außerdem natürlich die beste Synth-Pop-Band der Gegenwart (Future Islands) und der Berliner Ufo361, der einen Liebesbrief rappt, für den wir uns bald schon schämen – und dann Eis drauf verkleckern. Why does it always ….


Travis: „10 Songs“ (BMG / Warner)

So, jetzt kann er aber mal wirklich aufhören zu heulen, von wegen „Why Does It Always Rain On Me“ und so. Fran Healy hat ein Duett mit Susanna Hoffs gesungen, der Frau, in die vor 35 Jahren alle Musikjournalisten verknallt waren, „The Only Thing“, ein Liebeslied, ein Antiliebeslied, der erste Vorabbote des neuen Travis-Albums (unbedingt das Video abgucken!). Und dann geschah das, womit niemand gerechnet hätte: „10 Songs“ ist das beste Travis-Album seit Jahren geworden, eine triumphale Rückkehr zu alter Größe.

Eben weil er nicht mehr greint und leidet und sich selbst bedauert. „Valentine“ schließt nahtlos an „All I Wanna Do Is Rock“ an, als Travis noch fetten Rock’n’Roll zelebrierten. „A Ghost“ begibt sich mit wunderbaren Klavierläufen, einer mitreißenden Melodie und einem abrupten Ende auf die Suche nach einer gespenstischen Vergangenheit, „Nina’s Song“ erinnert sogar an die Fab Four. Ansonsten sind die „10 Songs“ geschmackvoll minimalistisch und sehr „live“ instrumentiert. Eine tolle CD, die in diesen musiklosen Zeiten immer wieder ein Lächeln ins Gesicht zaubert. (Lutz Göllner)


Jónsi: „Shiver“ (Krunk / Warner)

Moll-Pop Der Sänger, der bei den isländischen Überwältigungs-Art-Drama-Rockern Sigur Rós die E-Gitarre chic mit dem Cello-Bogen spielt, heißt Jónsi, und es gibt ihn nun zum zweiten Mal auf einem ganzen Album solo. Wobei: Er hat Spektakel-Gäste geladen, etwa die Melancholia-Tanzboden-Regentin Robyn: Ihr Duett ist, wie das ganze Album, verglichen mit den fragil einstürzenden Krawummkaskaden von Sigur Rós, „einfach“ großer Pop, aber freilich nix vom Fließband. (Stefan Hochgesand)


Mary Lattimore: „Silver Ladders“ (Ghostly International / Cargo)

Harfe Man könnte jetzt böse sein und „Silver Ladders“ in die Kategorie Wellness-Musik einordnen. Denn tatsächlich zupft Mary Lattimore ihre Harfe selten gegen den Strich. Mit dem sphärisch-esoterischen Klang, der gewöhnlich mit dem Instrument assoziiert wird, hat das Spiel der kalifornischen Musikerin, die schon mit Thurston Moore und Kurt Vile gearbeitet hat, aber auch nicht viel zu tun. Stattdessen: atmosphärische, aber klar umrissene Klanglandschaften, aus deren Monotonie sich wundervolle Melodien schälen. (Thomas Winkler)

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Ceeys: „Hausmusik“ (Neue Meister / Edel)

Neo-Klassik Die Ceeys haben die Schlüssel zu unseren Herzkammern, jedenfalls, wenn in diesen Herzkammern Platz für Kammermusik ist. Die in Potsdam lebenden Brüder Daniel und Sebastian Selke haben schon als Kinder durch die hellhörigen Plattenbauwände in Marzahn einander begleitet, auf Cello und Keys (= Ceeys). Das neue sonnig-sorgenvolle Album bewegt sich, das Elektrische zurücknehmend, zwischen Max Richter, Roedelius und Kasar. Aber konkret verortet in Berlin. (Stefan Hochgesand)

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Future Islands: „As Long As You Are“ (4AD / Beggars Group / Indigo)

Synthie-Pop Man fragt sich ja immer, wo Future Islands diese Cover finden. Aber man kann halt auch sicher sein, dass sich in der geschmacklosen Verpackung ein paar großartig elegante Synthie-Pop-Hymnen verstecken. Denn trotz des Möwen-Geschreis, mit dem „As Long As You Are“ beginnt, betätigt sich die Band aus Baltimore dann doch in ihrem Kerngeschäft: dramatische Elektro-Pop-Balladen, die von der Ambivalenz zwischen melancholischem Gesang und satten Beats leben. (Thomas Winkler)

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Cut Worms: „Nobody Lives Here Anymore“ (Jagjaguwar / Cargo)

Americana Was wäre Amerika ohne ­Country aus Nashville und den Rock’n’Roll aus Memphis? Beides Produkte aus Tennessee, wie Whiskey. Und ebendort, in Tennessee, hat Max Clarke alias Cut Worms, mit diesen drei Ingredienzen ein Doppelalbum-Gebräu geschaffen, das ans Herz geht. Jangle-Gitarren und Honky-Tonk-Piano begleiten ihn bei seinem ergreifenden Midcentury-Sang über die krasseste Verschwörungstheorie: dass wir alle nicht mehr leben. Uff. (Stefan Hochgesand)

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Ufo361: „Nur für dich“ (Stay High / Groove Attack)

Deutschrap Ufo 361 hat Liebeskummer. Und den verarbeitetet er, nur fünf Monate nach dem Release von „Rich Rich“, auf seinem neuen Album „Nur für dich“, dass er zusammen mit seinem Produzenten Sonus030 in einer italienischen Villa schrieb. Die Beziehung des West-Berliner Rappers zu (seiner Ex-Freundin) Tiffany, von der niemand so richtig weiß ob sie real existiert oder nur ein Phantasieprodukt ist, steht schon des längerem im Fokus seiner Social-Media-Aktivitäten, wo er die Fans sogar auf (vermeintlichen) Flitterwochen mit täglichen Updates versorgte.

Auf dem Album nimmt uns Ufo361 nun durch alle Phasen einer Liebesbeziehung mit: Nach einem kitschigen Liebesbrief für den wir uns schon bald schämen („Anders“), wollen wir mit der Person unserer Begierde schon bald jeden Tag verbringen („Sunset“, „Was soll schon passieren“), bevor langsam die ersten Probleme auftauchen („Zweifel“, „Fehler“) und man sich irgendwann sehenden Auges gegenseitig verletzt („Games“). Musikalisch knüpft Ufo361 an den Trap der letzten Alben an und baut auch seinen charakteristischen Adlibs („Stay High“, „Ihr wisst Bescheid“ oder „Jajaja“) zu genüge für den typischen Ufo-Sound ein, der an einigen Stellen aber zu repetitiv gerät. Festzuhalten bleibt: Bei Herzschmerz bietet sich spätesten seit diesem Release die Kombination von Kuscheldecke, Eisbecher und Deutschrap an. (Benedikt Kendler)


Mehr zum Thema: Letzte Woche hat Róisín die Diskothek und Prince den Funk aufleben lassen – davor hat Sufjan Stevens Weihrauch geschnüffelt und Fleet Foxes haben uns routiniert das Herz gebrochen.

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