Tonträger

The Dodos

Derzeit regt sich unter Amerikas Indiebands eine Sehnsucht nach Zugehörigkeit: einer – mal mehr, mal weniger diffus wirkenden – Verbundenheit mit den eigenen Ursprüngen. Um dahin zu gelangen, besinnen sich blutjunge Großstädter auf Blues, Mountain Music und Gospel – und zuletzt vermehrt auf die Wurzeln des schwarzen Amerikas. Die Begeisterung für die Polyrhythmen afrikanischer Percussion trieb Blüten auf den Alben Joanna Newsoms oder von Vampire Weekend. Und auch The Dodos konnten der Faszination nicht widerstehen und haben die Grooves des fernen Kontinents studiert.


Auf dem zweiten Album des Folk-Duos aus San Francisco, „Visiter“ (Frenchkiss / Wichita) scheinen sich Meric Long und Logan Kroeber mitunter in Trance zu trommeln. Dabei sind die geballten Rhythmen der Dodos – die nicht selten so hallend dröhnen wie das Ersatztonnen-Lager der Show-Bruitisten Stomp! – immer gut für unvorhergesehene Verbindungen. Da wären zum einen die Anleihen von Multiinstrumentalist Long beim bleifüßigen Delta-Blues; Stücke wie „Joe’s Waltz“ oder „Paint The Rust“ mit ihren raunzenden Slide-Soli klingen ungefähr so, als sei David Eugene Edwards von Woven Hand zufällig im Studio aufgetaucht.

The Dodos scheinen kaum zu bremsen zu sein, wenn sie sich einmal ihrem Triebwerk aus Drums und Rhythmusgitarre versenkt haben: Dem Akustik-Noise-Track „The Season“ setzten die beiden Enthusiasten nach rund sechs Minuten offenkundig nur aus Vernunftsgründen ein Ende. Hemmungslos über die Stränge schlagen the Dodos eher selten. Zu stark ist offenbar Songwriter Longs Hang zur klassischen Popmelodie: Dann prägt sein süßer, von freundlicher Selbstironie bestimmter Gesang die Stimmung und erinnert an den klaren Stil von Paul-McCartney-Balladen. In „Winter“ etwa läuten knapp angeschlagene Schrammelgitarren, Trompeten und eine sanft ermattete Gesangsmelodie die emotional dunkle Jahreszeit ein. Kurzum: Hinter der minimalistischen Grundaufstellung der Dodos offenbart sich bemerkenswerte popmusikalische Fülle.

Text: Ulrike Rechel

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