Tonträger

Guns N`Roses – Chinese Democracy

AlbumcoverNach 13 Jahren Tiefschlaf wachte Axl Rose in einer anderen Welt auf. Es gab nun das Internet. Dort konnte man beinahe alles machen, sogar Musik hören. Und so geschah es, dass der lange gehütete Schatz dieses Mannes auf sehr profane Weise der Öffentlichkeit zum Fraß vorgeworfen wurde. Ein kalifornischer Blogger war in den Besitz von einigen GnR-Songs gelangt und hatte diese zum Download bereitgestellt. Vermutlich empfand er das als einen demokratischen Akt. Tatsächlich hat er die wahrscheinlich tollste, wenigstens aber absurdeste Geschichte in der Geschichte des Rock’n’Roll um ihre Pointe gebracht.

Natürlich vermuten wir nur, dass die eilige Herausgabe von „Chinese Democracy“ (Universal), des beliebtesten Pop-Treppenwitzes der letzten Jahre, nun eine Panikreaktion auf den Leak ist. Rose selbst hat sich bislang nicht geäußert.

Nun liegt das ewige Album also offiziell vor. Außer ein paar Beats, die Rose vermutlich für modern hält – keine Zugeständnisse an den sogenannten Zeitgeist. Vielmehr legen die 14 Songs den Verdacht nahe, es handele sich bei ihnen um aufgeblasene Outtakes des bislang letzten echten Guns N’ Roses Albums „Use Your Illusions“ (1991). Sie alle überspannen den Bogen, sind zu lang, zu ausgefranst, zu überladen. Als hätte Rose die Lieder gleich zu Beginn geschrieben – um sich die nächsten zwölf Jahre damit zu beschäftigen, sie in immer neuen Arrangements aufzunehmen.

Der gute Ansatz von „Riad N’ The Bedouins“ etwa wird durch einen infernalischen Gitarrenlärm gejagt, bis man schließlich beim Industrial-gefärbten zweiten Solo die Lust verliert. So manche Scharte wetzt er mit dieser außergewöhnlichen Stimme aus, die ja immer ein bisschen an eine Mücke erinnert, die einem nachts ums Ohr surrt: Auf „Madagascar“ röhrt Rose waidwund und herzerweichend. Später – man hat aufgehört, die Soli zu zählen – gibt indes eine Collage aus altbekannten Wortfetzen von Strother Martin und Martin Luther King dem Song den Rest.

So ist es oft auf dieser egomanischen Monstranz: Man hört, dass sie vor zehn Jahren wohl besser gewesen wäre. Unter der ordnenden Hand eines Korrektivs.

Text: Torsten Groß

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