Tonträger

Jaguar Love – Take Me To The Sea

Jaguar LoveWas die Blood Brothers aus Seattle auf ihren fünf Alben seit 1996 vorlegten, war nicht selten dazu angetan, Ohrenbluten hervorzurufen. Post Hard­core, schrill und grob, unkonventionell mit zwei gleichberechtigten Sängern und beständig gegen musikalische Strukturen ankämpfend. Die Band hat Ende letzten Jahres den Kampf aufgegeben.
Der schrillere von beiden Vokalisten, Johnny Whitney, macht mit Blutsbruder-Gitarrist Cody Votalato und dem Pretty-Girls-Make-Graves- Drum­mer J. Clark weiter. Als Jaguar Love haben sie dabei einige Lehren aus dem Wirken ihrer alten Band gezogen. Etwa, dass besinnungslose Energie für den Moment vielleicht beeindrucken mag, aber auch schnell wieder verpufft, oder, dass Strukturen manchmal auch nützlich sein können.
Auf „Take Me To The Sea“ (Matador/Indigo) finden sich deshalb ungewohnt griffige Songformate. Eingangs frohlockt „Highway Of Gold“ wie bei einer hibbeligen Britpopband, um nach 50 Sekunden dann aber doch in einer ersten Schreiattacke zu münden, die bei anderen Sängern als peinlicher Fehltritt, hier aber als Energieschub sondergleichen daherkommt. Whitney kann und soll ja auch nicht anders, er tiriliert wie ein schmerzge­peinigter Wellensittich („Jaguar Pirates“) zu Punk-Funk-Riffs, betreibt einen Drahtseilakt zwi­schen Madame Butterfly und The Cure („Bone Trees And A Broken Heart“) und reiht sich zudem in die Liga beherzter Led-Zeppelin-Adepten mit dem irrwitzig adrenalingeladenen „Humans Evolve Into Skyscrapers“ ein.
Beachtliches Meis­ter­stück der Platte ist jedoch das angenehm getragene „Georgia“, eine Southern-Soul-Nummer, bei der es aber nicht wie erwartet um Heimatliebe, sondern um eine Immobilienspekulantin be­sagten Namens geht, die leider an einem Tumor im Hals leidet. Unkonventionell umso mehr, weil die Band hier versucht, ein Duett zwischen Jack White und dessen Muse Loretta Lynn nachzuempfinden – wobei Whit­­ney na­türlich gleich beider Stimmen übernimmt.
In den wirren Köpfen der Beteiligten scheint sich also gar nicht so viel verändert zu haben – nur ihre Musik klingt jetzt viel besser.

Text: Hagen Liebing

tip-Bewertung: Hörenswert

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