Tonträger

Joan As Police Woman

Cover

Joan Wasser ist Mitglied des narzisstischen, schillernden und hochbegabten Trosses um Rufus Wainwright und Antony He­­gar­ty. Exzentrik gehört dort zum guten Ton. Goldhütchen, Glamrockstiefel und Glitzergeige passen bestens zum stimmgewaltigen, raubeinigen Auftre­ten der klassisch ausgebildeten Violinistin. „Are We Not Women?“ ist das Booklet zu ihrem zweiten Soloalbum als Joan As Police Woman überschrieben, frei nach „Are We Not Men? We Are Devo“, und verspricht „a new pleasure to be free“.

Das Spiel mit Identitäten, das Recht auf Vielfalt, das Ausleben von Widersprüchen, die Abneigung gegenüber Festlegungen aller Art – diese Freiheit trägt ein blendendes, ein zickiges Kleid. Und so erinnert das Coverfoto vielleicht nur zufällig an die von Zweifeln getriebene Innerlichkeit einer Virginia Woolf.

Aber „To Survive“ ist überraschend ernsthaft, ist weit entfernt von schriller Lauthalsigkeit. Keine Party weit und breit. Mit dem ersten Pianoton gewinnt Joan Wasser volle Aufmerksamkeit und schon bald vollen Respekt. Ihr Ton ist unaufdringlich und zwingend, weit weniger dramageladen, als man befürchten könnte, die Frage „Would you honor my wishes“ ist ihr, der ehemaligen Freundin von Jeff Buckley, ein erns­tes Anliegen.

Getragen von jazzi­gen Besenstrichen der Drums, kontrapunktischen Akkorden und der sphärischen Stimme von Gast David Syl­vian beginnt die andere, musikalische Seite dieser auffallenden Musikerin. „The Dusty Springfield of Indie Pop“ hat sie „The Guardian“ geadelt, nicht ganz verkehrt, ist doch der Songwritersoul ihr Metier. Nina Simone und Joni Mitchell sind nicht nur Vorbilder, sondern auch naheliegende Assoziationen. Anschmiegende, innige Melodien als Bausteine des Genres verbindet sie mit gefühlsauslotenden Passagen, die mal mehr, mal weniger zu schlüssigen Stü­cken führen. Ein Album, das erobert werden will.

Thematisch ist „To Survive“ vom Krebstod der Mutter und dem innerlich angegriffenen Amerika bestimmt und bietet mit „Furious“, „To Be Lonely“ und „To America“ Highlights einer faszinierenden, aber auch befremdlichen Musikerin, von der in Zukunft noch einiges zu erwarten ist.

(PIAS)

Text: Christine Heise

Mehr über Cookies erfahren