Tonträger

Marianne Faithfull – Easy Come, Easy Go

Sogar als kulturelle Instanz macht La Faithfull eine glänzende Figur. Erst neulich auf arte, bei der Wahl des größten Dramatikers aller Zeiten, inmitten von Schwadroneuren und aufdringlichen Selbstdarstellern, legte sie ruhige Noblesse an den Tag, Shakespeare rezitierend. Als zu dessen vorhersehbarem Triumph dann „God Save The Queen“ intoniert wurde wie beim patriotischen Plustern vor einem Länderspiel, lächelte sie gequält. Diese Frau weiß, wo Kultur anfängt und wo sie aufhört.


Eine Unbestechlichkeit, die auch den Arrangements der „18 Songs For Music Lovers“, so der Untertitel ihres aktuellen Albums (Naive), anzuhören ist. Beginnend mit Dolly Partons „Down From Dover“, der herzzerreißenden Geschichte einer Totgeburt, von Marianne Faithfull ohne Pathos erzählt, schicksalsergeben. Und endend mit dem Traditional „Flandyke Shore“, einer Pastorale an die Heimat, die dank rustikaler Harmonien der Schwestern McGarrigle im Diesseits geerdet wird. Duke Ellingtons „Solitude“, das Marianne zu leise weinendem Wah-Wah meditiert, gehört ebenso zu den Highlights dieser ambitionierten Doppel-LP wie Merle Haggards allerletztes Verlangen „Sing Me Back Home“, dem Keith Richards kongenial Gitarre und Gesang hinzufügt, oder der stoische Title-Track, ein Funeral-March in Takt und Ton.

Nicht alle Interpretationen dürfen als gelungen gelten. Randy Newmans Mörder-Ballade „In Germany Before The War“ vermag Marianne Faithfull nichts Eigenes abzugewinnen, das Pseudosoul-Geheul des emotional inkontinenten Antony Hegarty auf Smokey Robinsons „Ooh Baby Baby“ ist eine Zumutung, und das ewige Jammern und Greinen von Rufus Wainwright ist auch nicht geeignet, ein ohnehin mediokres „Children Of Stone“ aufzuwerten. Morrisseys mindestens so narzisstisches Sex-Outing „Dear God Please Help Me“ geht jedoch wider Erwarten unter die Haut, auch wenn seinen „explosive kegs between my legs“ aus weiblicher Sicht die Sinnfälligkeit fehlt. Anderswo leisten Nick Cave und Jarvis Cocker wertvolle Dienste, Songs von Judee Sill und Neko Case erweisen sich als probate Vehikel für Faithfulls lebenserfahrene, niemals verlebte Stimme.


Text: Wolfgang Doebeling

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