Musik aus Berlin

Max Rieger im Porträt: Die Tür zum Pop steht immer weit offen

Max Rieger, Sänger der Band Die Nerven, könnte der meistgefragte Mann in der Berliner Indie-Musikszene sein. Mit seinem wichtigsten Nebenprojekt All Diese Gewalt hat er die neue Platte „Andere“ gemacht, die man als Corona-Soundtrack deuten könnte – und damit zugleich richtig und doch falsch läge.

Max Rieger ist Kopf von Die Nerven, hat eine Band namens All Diese Gewalt und ist auch sonst gefragt. Foto: Erik Weiss
„Einsamkeit und Isolation sind ja keine Themen, die 2020 erfunden worden sind“, erklärt Max Rieger. Foto: Erik Weiss

An Unterbeschäftigung leidet Max Rieger wahrlich nicht, auch nicht in Zeiten von Corona. Im vermaledeiten 2020 hat der Mann bereits ein Album mit seinem Experimental-Trio Jauche und ein weiteres unter seinem Black-Metal-Alias Obstler veröffentlicht (das Quarantäne-Album „Death Jingles“). Und eigentlich arbeitet er dieser Tage schon wieder mit seiner Band Die Nerven an neuen Stücken.

Wave, Elektropop? Max Rieger ist schwer einzuordnen

Nun kommt auch noch All Diese Gewalt dazwischen – so heißt sein Soloprojekt, dessen neues Werk „Andere“ jetzt erscheint. Und wenn man mutmaßt, darauf sei eine Art Elektropop-Wave-Inkarnation des Max Rieger zu hören, so weist er dies zurück: „Ich mache mir keine Gedanken über Genres. Ich würde es aber niemals als Elektropop bezeichnen. Ich weiß gar nicht, was Elektropop-Wave sein soll.“ Ein dreifaches Nein also. Aber was ist All Diese Gewalt dann?

All Diese Gewalt, so weit kann man sich dann doch vorwagen, ist neben Die Nerven das wichtigste Projekt von Max Rieger. Während er bei der Noiserockband als Sänger, Shouter, Schreihals und Gitarrist fungiert, ist der 27-Jährige mit All Diese Gewalt in ambientig-elektronisch-experimentellen Gefilden unterwegs.

Mit Die Nerven hat Rieger, der im Stuttgarter Raum aufgewachsen ist und seit einer Weile in Berlin lebt und arbeitet, den deutschsprachigen Indierock der Zehnerjahre mitgeprägt. Als Produzenten könnte man ihn zudem als eine der wichtigsten Schnitt- und Schaltstellen der jüngeren deutschen Popgeneration bezeichnen – er hat unter anderem Alben und EPs mit Drangsal, Jungstötter, Stella Sommer und Mia Morgan aufgenommen.

Max Riegers Songs klingen verschachtelt, verspielt und verspult

Die Stücke bei All Diese Gewalt entstehen am Laptop, Rieger arbeitet oft mit opulenten elektronischen Soundscapes, über die sich sein melancholischer Gesang legt. All diese Gewalt klingt häufig entsprechend verschachtelt, verspielt und verspult, die Tür zum Pop steht dabei aber immer weit offen. Das konnte man auch schon auf dem Album „Welt in Klammern“ (2016) hören, wo Songs wie „Maria in Blau“ veritable Hitqualitäten aufwiesen.

Der Wille zum Pop kommt auf dem dritten Album „Andere“, das bei Glitterhouse erschienen ist, noch deutlicher zur Geltung. So gibt es tanzbare und eingängige Nummern, bei denen der Einfluss des befreundeten Musikers Drangsal (Max Gruber) anzuklingen scheint. „Was ich auf jeden Fall von Max habe, ist der Fokus auf Songwriting“, sagt Rieger. „Früher habe ich mich überhaupt nicht für Songwriting interessiert. Mir ging es bloß darum, eine Klangästhetik und Texturen herzustellen. Jetzt habe ich auch mal Lust einen Refrain zu schreiben.“ Diese neue Lust am Chorus ist in Songs wie „Erfolgreiche Life“ („Gib mir mehr/ egal woher“) oder „Dein“ („Lass alles ungeschehen sein“) zu hören.

Auf dem gesamten Album sind die Klangflächen und Beats satt und dicht produziert, was eine gewisse Überwältigungsästhetik mit sich bringt. Wave schimmert als Referenz durch, „Gift“ klingt etwa wie ein zeitgemäßes Depeche-Mode-Update, während „Grenzen“ an die Gitarrenbands jener Ära erinnert.

Das wäre Max Rieger zu narzisstisch, viel zu eitel

Rieger gibt meist knappe Antworten während des Gesprächs, das auf dem Balkon der Wohnung eines Glitterhouse-Mitarbeiters in Friedrichshain stattfindet. Er trägt eine leuchtend rote Steppjacke; ein ähnlich leuchtendes Rot ist auch auf dem Albumcover zu sehen: Darauf ist Rieger in rote Tücher gehüllt, er hält ein Maschinengewehr im Anschlag.

Erst sollte ein Porträtfoto von ihm aufs Cover, das hätte er aber verworfen: „Viel zu klar, viel zu narzisstisch, viel zu eitel.“ Dann habe er sich gedacht, er mache es wie René Magritte bei seinem Bild „Die Liebenden“, auf dem zwei Küssende verhüllt sind. Er habe dann noch geträumt, dass er eine Waffe halte – durch und durch surreal also, die Genese des Albumcovers. „Die Diskrepanz zwischen dem Superkonkreten und dem total Unklaren mag ich“, erklärt Rieger.

In seinen Lyrics besteht ein ähnlich gelagertes Spannungsverhältnis. Sie sind bedeutungsoffen genug, dass sie nicht platt wirken und noch so konkret, dass sie nicht ins Beliebige kippen. Einsamkeit ist eines der Hauptmotive des Albums, gleich im ersten Track „Halte mich“ singt Rieger: „Ich weiß ich bin allein/ und werd es immer sein/ ist schon okay/ ich weiß ich bin zu viel/ ein gehetztes Tier/ was unterscheidet mich von dir.“

Die aktuelle Max-Rieger-Platte hat alles mit Corona zu tun

Wenn man „Andere“ nun als Corona-Soundtrack deutet, liegt man damit richtig und falsch zugleich: „Anfang Januar dieses Jahres habe ich das Album fertiggestellt, danach kam erst Corona. Die Platte hat gar nichts mit Corona zu tun. Aber wenn man sie sich jetzt anhört, hat sie natürlich alles mit Corona zu tun.“ Für ihn nicht weiter verwunderlich: „Einsamkeit und Isolation sind ja keine Themen, die 2020 erfunden worden sind.“

Während die Terror-Assoziation auf dem Cover vollständig gebrochen ist, sind andere Sujets eindeutiger. Der Song „Echokammer“ verhandelt etwa die geschlossenen digitalen Gesellschaften, die sich in den vergangenen Jahren gebildet haben.

„Die Diskrepanz zwischen dem Superkonkreten und dem total Unklaren mag ich“, erklärt Max Rieger. Foto: Erik Weiss
Mag’s qualmig: Max Rieger. Foto: Erik Weiss

„Echokammer/ Leben in der Blase/ Echokammer/ im Staub einer Oase/ Echokammer/ Körper in Ekstase/ Echokammer/ vielleicht nur eine Phase“, singt Rieger in dem kurzen Track, der wie ein Interlude wirkt. Das Stück sei eine Bestandsaufnahme, wie er erklärt: „Was ich mit dem Song nicht sagen will: ‚Wir leben alle in unseren eigenen Filterblasen, und deswegen ist alles schlecht.‘ Es ist einfach eine neue Form der Realität. Das Interessante an den sozialen Medien ist für mich eher, dass sie das Gefühl einer großen globalen Gemeinschaft vermitteln, es aber nicht einlösen. Jeder bekommt nur die Informationen zugespielt, die auf ihn zugeschneidert sind.“

All Diese Gewalt ist mit „Andere“ anschlussfähiger geworden für ein vielleicht auch konventionelleres Pop-Publikum, zum Teil wirken die Songs gar radiotauglich. Oder? Rieger überlegt einen Augenblick, sagt dann: „Fürs Radio ist der Sound, glaube ich, immer noch zu leftfield.“ Zu seltsam, abseitig, experimentell also. Damit könnte er recht haben.


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