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PJ Harvey: "The Hope Six Demolition Project"

PJ Harvey: "?The Hope Six Demolition Project"
Vor fünf Jahren nahm sich PJ Harvey auf ihrem Album "Let England Shake" die Kriegsgeschichte des alten England vor. Dabei entstand ein wundersam archaisches Schlachtenbild, angetrieben von Marschtrommeln und Männerchören. Beide expressive Klangzutaten tauchen auch auf dem Nachfolger auf, ihrem neunten Album. Von der Auseinandersetzung mit der Historie geht ihr Blick in die Gegenwart und weiter darüber hinaus: Die Texte reflektieren die Recherche-Reisen der 46-Jährigen nach Afghanistan und den Kosovo, überblendet mit Beobachtungen aus den abgehängten, vorwiegend schwarzen Vierteln von Washington DC.
Überraschenderweise zieht sich eine Stimmung der Euphorie durch das Album: Eröffnungssong "Community of Hope" etwa klingt vordergründig wie ein Hippie-Sing-along auf den Spuren von Patti Smith. Im Gegensatz dazu stehen Harveys düstere Bilder von der Verliererseite der Wohlstandsgesellschaft: "They‘re gonna build a Walmart here" lautet der ohrwurmartige Chorus, den man kaum mehr los wird – eine sarkastische Erlösungsfantasie, getarnt als Agitprop-Hymne.
Es ist nicht der einzige Song, der auf faszinierende Weise melodische Eingängigkeit mit endzeitlichen Texten kontrastiert. "River Anacostic" erzählt von einem vermüllten Fluss in Washington, der die Stadt in eine Gewinner- und eine Verliererseite teilt. Pauke, Orgel und mahnende Lyrics ("What will become of us?") entfalten den Ernst und die Schönheit eines geistlichen Chorals. Woanders stimmt ein drängendes Basssaxofon eine Blues-Klage an ("The Ministry of Social Affairs"), und "The Ministry Of Defence" ist ein Avant-Noiserock-Stück, in dem die Bedrohung greifbar scheint. PJ Harvey ist wieder eine sehr streitbare und engagierte Platte gelungen.  

Text: Ulrike Rechel

PJ Harvey The Hope Six Demolition Project (Island/Universal)

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