Konzerte & Party

R.E.M.: Accelerate

Haben wir sie vermisst? Nein. Haben sie gefehlt? Ja. Der schale Geschmack ihres letzten, lustlosen Albums „Around The Sun“ hing verdammt lange in der Luft, verbesserte die Lage nach den vorangegangenen Werken „Reveal“, „Up“, „New Adventures“ und „Monster“ in keinster Weise. Vier Jahre Schweigen als Folge war eine gute Option. Nun sind sie zurück – rockig, stürmisch, kämpferisch.

Ein meisterliches Statement mehr denn ein Meisterwerk und eine Liebeserklärung an die Fans. Stück für Stück von „Accelerate“ (WEA) wurde zuvor in Irland bühnengetestet, vor einem Publikum, das enthusiastisch, vor allem kritisch ist. Herausgekommen sind 35 rasierklingenscharfe Minuten, pointiert, konzentriert, ein Kinnhaken. Alle Stücke E-Gitarren-dominiert, keine Mandoline, kein Folk, keine freundlichen Loops. In „Hollow Man“ ein Piano, damit Michael Stipe angekratzt singen kann: „Corner me and make me something“, aber der Ritt geht weiter.

„Houston“ sind zwei eindringliche Minuten der Anklage: Eine Nation, in der Katrina-Katastrophe von der eigenen Regierung im Stich gelassen, R.E.M. nehmen Rache. „Living well is the best revenge“, zitieren sie gleich am Anfang. „Until The Day Is Done“ ist eine kraftvolle Ballade, die sich um den Planeten sorgt, und in „Man-Sized Wreath“ gibt es nicht nur die schönste Melodie, sondern auch die entscheidende Frage: Was hast du zwischen deinen Ohren? Produzent Jacknife Lee kam auf Empfehlung von U2 und versteht es, das Raue und Direkte zu betonen, Harmoniegesänge spärlich, dezent, ja murmelnd zu lassen, Gitarren als schmutzigen Teppich auszulegen, abzubrechen, anstatt verhallen zu lassen – ein Stück kunstvoller Garage.

Wie keine andere Band des Jahrgangs 1980 – und schon gar keine erfolgreiche wie sie – haben R.E.M. ihr Konzept stets als Baustelle begriffen, Massen und Fans überrascht und strapaziert. Heute besinnen sie sich auf ihre Rolle als Sprachrohr. Sie sind politisch, sie sind vital, pragmatisch dem eigenen Status gegenüber („Accelerate“ ist das vorletzte Album im 80-Millionen-Dollar-Deal mit der WEA) und absolut unentbehrlich.

Text: Christine Heise

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