Tonträger

Sigur Ros

Cover

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sigur Rуs tun nicht gerade viel dagegen, um mit den Klischees von Island als weltentrücktem Fleck aufzuräumen. Zuletzt konnte man die scheuen Skandinavier beim Konzertfilm „Heima“ quer durchs Land zu Auftrittsorten in verlassene Fischfabriken oder auf offene Felder begleiten. Kaum ein Jahr später liegt das neue, fünfte Studioalbum vor. Darauf zeigt sich, dass sich die Band als ihr eigenes Referenzsystem offenbar längst genug ist.

Doch überraschen die Schöngeister mit einer deutlichen Geste Weltläufigkeit. Statt wie sonst in der bandeigenen, zum Studio umgerüsteten Schwimmhalle aufzunehmen, zog die Band hinaus nach New York zu Nine Inch Nails’ Produzent Flood, nach London in die Abbey-Road-Studios mit Orchester samt Chor. Sogar bis nach Havanna reisten sie, um ihren Songs ein wenig Fröhlichkeit einzuhauchen.


Viele Songs, vor allem in der ersten Hälfte, strahlen ungekannte Bodenständigkeit aus. Wie ein kräftiger Stoß ins Glückshorn klingt etwa das drängelige „Innн Mйr Syngur Vitleysingur“ mit seinem stattlichen Bläsertross, dem wild hüpfenden „Glockenspiel“ Celesta und seinem von heroischen Bässen getragenen Chorus. Sogar Humor blitzt auf – bisher eher selten bei den traumverlorenen Songschreibern.

„Gobbledigook“ klingt nicht nur auf dem Papier drollig, sondern könnte mit seiner geschrammelten Akustikgitarre, groovenden Fußstampfern und „Lalalala“-Chorgeträller den Festtanz der Hobbits nach vollendeter Ring-Mission untermalen. Dann wäre da ein Song, den Birgisson – erstmals überhaupt – auf Englisch singt. „All Alright“ klingt von fern zwar nicht unbedingt englischer als „Su Н Eyrum“ oder „Fljуtavнk“. Doch immerhin: Die Geste, sich nach den teils wie im Schwebezustand komponierten Vorgänger-Alben dem Erdboden zu nähern, ist angekommen.

Erst zur Albummitte hin wird die Tonart gewohnt innerlich; dann zelebrieren Sigur Rуs Jуn Birgissons kristallenen Elfengesang zu orchestralen Crescendi. Nach dem anfangs entfesselten Spurt wendet die Band der Welt wieder den Rücken zu. Fast so wie auf der Albumhülle.

(EMI)

Text: Ulrike Rechel

Mehr über Cookies erfahren