Top 15

Weiblich, schwarz und queer – Das waren die besten Platten des Jahres 2019

Unsere Jury hat dieses Jahr mehr als 400 (!) Alben bewertet. Die Auslese der besten 15 Platten des Jahres ist ein Fest vor dem Herrn – oder vor der Herrin

Matana Roberts beim A L’ARME! Festival im Radialsystem. Foto: imago images / Votos-Roland Owsnitzki

Sogar eine mehrheitlich männliche Jury wie unsere vom tip-Plattenspiegel kommt zu dem Ergebnis: 10 der 15 besten Platten aus dem Jahr 2019 sind von Frauen. Ich will jetzt gar nicht behaupten, dass Frauen die besseren Musiker*innen sind (ich liebe sehr viel Musik von Männern), aber Frauen sind ganz sicher auch nicht die schlechteren Musiker*innen. Und trotzdem gibt es immer wieder Musikpreise, für die fast nur Männer nominiert werden – außer in den explizit weiblichen Kategorien. Hinterher behaupten die Jurys dann, es tue ihnen ja schon auch sehr leid, aber, nun ja, es gebe halt einfach nicht so viel Musik von Frauen – oder jedenfalls nicht so viel relevante, spannende. Hey Leute, ich kann diese ignorante Position gar nicht mehr ernst nehmen. Ihr macht euch so lächerlich! Im Grunde nervt es mich ja selbst, überhaupt noch nachzuzählen, wie hier eingangs; doch so lange sich diese depperte Meinung von Musik als Männerkunst noch hält, so lange muss ich leider hart dagegenhalten. (Dass unsere ganze tip-Top-5 aus Women of Color besteht, kann man am Rande ja auch mal erwähnen.)

Doch worum ging es inhaltlich und klanglich? In den obersten Rängen gab’s experimentellen Jazz (Matana Roberts), Avantgarde-R&B (Kelsey Lu, FKA Twigs), Prince-haften, empowernden R&B (Lizzo) und Art-Blues (Brittany Howard, die über Rassismus und lesbische Liebe singt). Jazzig im weiten Sinne ist das alles, auch Tyler, the Creator, der etwas vom Rap abgekehrt ist, um zwischen düsterem Jazz und schlurfendem R&B seiner Kunstfigur Igor zu huldigen. Überhaupt ist Tyler wahrscheinlich die skurrilste, polarisierendste Gestalt auf der der Liste: Theresa May erteilte ihm als Innenministerin einst Einreiseverbot nach Großbritannien – wegen mutmaßlich homophober (!) Lyrics. Inzwischen ist der 28-Jährige eine Ikone vieler Queers, nicht erst seit er sagt, er möge schon auch Frauen, aber knutsche dann doch lieber deren Brüdern.

Mit Bonnie Prince Billy und Bill Callahan stehen zwei der allerbesten Gitarrensongwriter der Gegenwart auf unserer Jahresliste – neben Jessica Pratt, 32, und Aldous Harding, 29, die den Gitarrenfolk fit für die nächste Generation machen. Die Rapperinnen Little Simz und Sampa The Great beschäftigen sich mit (ihrem) Schwarzsein; Sampa mit deutlichen Afrobeat-Anleihen. (Eines der schönsten tip-Cover dieses Jahr war übrigens das zur tip-Titelgeschichte zum Phänomen Afrobeats in Berlin, von Dennis Agyemang.)

Wir haben dieses Jahr als Jury mehr als 400 Alben gehört. Alle hier in unserer Liste sind also Crème de la Crème. Jamila Woods, Solange  und Loyle Carner haben es nur ganz knapp nicht in die Liste geschafft, leider. Ich weiß, dass sich Musik kaum in Punkten erfassen lässt. Wir tun es dennoch, um Orientierung zu schaffen, Entdeckungen zu teilen. Weil wir die Musik, bei allem exzessivem Hören, lieben.

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