Konzerte & Party

Tony Christie im Huxleys

Tony Christie

Eigentlich fing alles mit Johnny Cash an, als der und Rick Rubin in dessen Wohnzimmer den besonderen Charakter jener Aufnahmen erkannten, die später als „American Recordings“ die Popmusik verändern sollten. Befreit von jeglicher Erwartungshaltung spielte „The Man In Black“ persönlich, intim und bewegend wie nie zuvor. So veränderte er schlagartig sein Image und erreichte kraft seiner Autorität, die sich aus dem wilden Leben der Vergangenheit ebenso speiste wie aus seiner unzweifelhaften Religiosität, ein hungriges Publikum. Alter, Größe und Weisheit wurden zum höchsten Gut. Knapp zehn Jahre später tauchte Neil Diamond aus dem Nichts auf. Einst ein Hitgarant in den Sechzigern, der vom respektablen Songwriter zum Las-Vegas-Zirkuspferd wurde – und eigentlich nur noch in der Sonne sitzen wollte. Bis Rick Rubin kam und ihm die Gitarre in die Hand drückte. Ihn an die Anfangstage erinnerte und ehrliche Songs von ihm wollte. Und er bekam sie. „12 Songs“ wurde 2005 zu Diamonds Neuerfindungsalbum. Mit Mitte sechzig zurück an den Anfang.
Tony ChristieDie Geschichte von Tony Christie liest sich ganz ähnlich. Plötzlich reiben wir uns die Augen und denken: Wie bitte? Diese aalglatte Schlagertype sollen wir plötzlich cool finden? „Wir wissen doch alle, dass Tony Christie eine Legende ist und ein Künstler, um den man sich ernsthaft kümmern muss“, sagte stattdessen Richard Hawley, Pulp-Gitarrist, Rockabilly-Fan und selber leidenschaftlicher Crooner. Außerdem ist er Lokalpatriot. Seine Heimatstadt Sheffield mag nicht reich und nicht schön sein, aber Geburtsstätte großer Musiker ist sie allemal: Joe Cocker, Pulp, The Human League, Arctic Monkeys – und Tony Christie. Hing ihm im Königreich ewig an, dass er bloß Sheffields Antwort auf Tom Jones war, fand er sein Glück in Deutschland. Ausgerechnet in dem Land, in dem du erst wirklich erfolgreich wirst, wenn du deine Seele dem Schlager verkaufst. Uffta. „(Is This The Way To) Amarillo“ und „I Did What I Did For Maria“ wurden seine größten Erfolge, der Berliner Schlagerproduzent Jack White sein einflussreichster Berater. Allein daheim musste er mehr aufbieten, um Erfolg und Respekt zu ernten, und das gelang ihm 1999, als er vom DJ-Projekt The All Seeing I und Jarvis Cocker als Gastsänger verpflichtet wurde. Mit „Walk Like A Panther“ landete er völlig überraschend einen Top-Ten-Hit. Alle musikalischen Elemente seiner längst vergessenen Anfangsjahre tauchten darin wieder auf: Northern Soul, R&B und Motown. Tony ChristieSeinem Sohn Sean, mittlerweile sein Manager, ist es zu verdanken, dass nun die Intelligenzija von Sheffield Schlange stand, um am Konzeptalbum „Made In Sheffield“ mitwirken zu können. Richard Hawley wurde zur Schlüsselfigur des besten Albums von Tony Christie. Ausschließlich Songwriter der Region, die den Tenor Christies optimal herausstellten. „Ein Kraftakt an verwinkelten Emotionen und sehnsuchtsvollem Schmerz“ schrieb „The Guardian“. So kannte man Englands großen Crooner noch nicht. 2011 nahm ihn das innovative Soul/Jazz-Label Acid Jazz unter die Fittiche, setzte ihm die Sonnenbrille auf und ließ mit „Now’s The Time!“ einen stylishen, dynamischen Christie entstehen. Produziert von Mike Ward und Richard Barratt (aka The All Seeing I) ist das Album ein bisschen Las Vegas, James Bond und Morricone, die Songs reflektieren sein Leben („Too Much of The Sun“) und seine Möglichkeiten. Ob er aber vor beiden Hälften seines Publikums bestehen wird, wenn er sein 50-jähriges Bühnenjubiläum mit einer Tournee durch Rockhallen feiert, ist eine andere Frage. Während die einen nicht wissen werden, wie sie ihre ans Mitklatschen gewöhnten Hände beschäftigen sollen, werden sich die anderen über die gefällige, professionelle Performance eines abgebrühten Entertainers erschrecken. In der Riege der Late Bloomer macht er dennoch eine gute Figur. Während Tom Jones gerade mit Jack White (dem Besseren …) in Nashville den Blues aufnimmt, Glen Campbell sein letztes Album mit Würde und Popfeeling ablieferte, weiß Tony Christie auch mit 68 noch die Bühne zu füllen. Größe und Weisheit sind nicht unbedingt seine Währung, dafür kann er mit einer jungen Band seine ganze Bandbreite zeigen.

Text: Christine Heise

Tony Christie, Huxleys, So 5.2., 20 Uhr, VVK: 40 Euro

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