Piano-Pop

Tori Amos – Pionierin der Selbstbestimmung

Lauter Missverständnisse: Kaum fällt der Name Tori Amos, sprudelt der Klischeespringbrunnen. Es wird ­höchste Zeit, der Frau wieder zuzuhören, ohne die Queers und Frauen im Pop keine so starke Stimme hätten

Foto: Paulina Otylie Surys

Madonna sagt gern, dass sie in einem Schwulenclub geboren wurde – weil sie dort halt all das gelernt hat, um Madonna zu werden. Entsprechend müsste man ­sagen: Tori Amos wurde in einer Schwulenbar geboren. Dort hat sie ihren ersten Piano-Job ergattert, als sie 13 Jahre alt war, 1976. „Mr. Henry’s“ hieß und heißt der Laden, ge­täfelt mit dunklem Holz im Viktorianischen Stil, keine Meile entfernt vom Congress auf ­dem Capitol Hill, dem Parlament der U.S.A. in Georgetown, Washington D.C.

Den Job vermittelt hat der Papa, ein Methodistenpfarrer, der mit seinem Mädchen, das am liebsten Beatles-Cover spielte, durch die Hauptstadt zog und ein Dutzend Absagen einstecken musste, bis der Boss des rustikalen schwulen Treffpunkts eben sagte: „Klar, hier kann das Mädchen spielen.“ Das war kaum sieben Jahre nach den queeren Riots in der New Yorker Christopher Street, als Gays und Trans aufbegehrten gegen die Schikanen der Polizei. Woche für Woche spielte Tori Amos, die damals noch Myra Ellen Amos hieß, also im „Mr. Henry’s“: Joni Mitchell, Beatles und natürlich Elton John. Am Ende ihrer Sets steckten ihr die schwulen Männer Wünsche zu, was sie am liebsten nächste Woche von ihr hören würden. Eine Tradition, die Tori Amos bis heute bei ihren Konzerten bewahrt, wenn sie vorher einen Wunschzettel rumreicht und auch immer wieder spontan Cover spielt, mit denen niemand rechnen würde. Jeden Abend eine neue Setlist.

Myra Ellen war zunächst ein Wunder-, dann ein Sorgenkind: Mit fünf Jahren war sie bis dato der jüngste Mensch, der am Peabody Institute, einem Konservatorium in Baltimore, aufgenommen wurde. Mit elf Jahren verlor sie ihr Stipendium, weil sie dann doch mehr auf Led Zeppelin als auf Klassik stand. Vor allem konnte sie, gemessen daran, dass sie hochbegabt am Klavier war, Noten doch nur mittelprächtig lesen. Die Lehrer verzweifelten: „Warum, zur Hölle, kann das Gör nicht ­lesen?“. „Y Kant Tori Read“ sollte 1988 dann auch ihr erstes Album heißen, aufgenommen mit ihrer gleichnamigen Elektro-Pop-Band.

1976 wurde die Bar-Pop-Pianistin Tori Amos also im „Mr. Henry“ geboren, und nachdem die Pfarrerkollegen dem Papa sagten, dass sie das schon etwas schräg fänden, dass seine Tochter inmitten von Schwuchteln spielt, konterte Papa Amos: „Welcher Ort auf der Welt sollte für ein 13-jähriges Mädchen safer sein als ein Lokal voller schwuler Männer?“ Mit 16 Jahren kam der nächste Piano-Job, unweit des Weißen Hauses. Zur Kundschaft gehörten viele Lobbyisten und auch Leute aus dem Innenministerium. Tori Amos ist also, nachdem sie unter Schwulen geboren wurde, im Herzen der westlichen Macht aufgewachsen. Beides ist bis heute wichtig für ihre Musik, denn sie durchschaut die Strukturen von Diskriminierung wie keine zweite weiße Popmusikerin ihrer Generation.

Der Durchbruch gelang 1992 mit dem Solo-Debüt „Little Earthquakes“, wahrlich ein Beben: Da rockt eine 28-jährige Songwriterin am Klavier, gibt wütenden jungen Frauen eine Stimme, die silent all these years waren: „Boy, you best pray that I bleed real soon –How’s that thought for you?“ Sturm und Drang gegen das Hetero-Patriarchat. „Me and a Gun“ erzählt autobiographisch von einer erlittenen Vergewaltigung, und in ­„Crucify“ entlarvt die Pfarrerstochter alltägliche Selbstgeißelung, ausgelöst durch repressive Religion oder auch Machomännertum, dem Tori Amos seit jeher den Mittelfinger zeigt. Die Sujets sind gesetzt.

Klanglich ist Tori Amos nie stehen­geblieben: Auf „Under the Pink“ (1994) kam der berühmte Bösendorfer-Flügel erstmals ins Spiel mit seinem Kristallklang und der halben Extra-Oktave. „Boys for Pele“ (1996) experimentiert mit Cembalo und Harmonium. „From the Choirgirl Hotel“ (1998) und „From Venus and Back“ werden elektronischer. Auf „Strange Little Girls“ (2001) covert und kapert Tori Amos Songs von Männern über Frauen, von Tom Waits bis Eminem. Die vier Alben danach geraten etwas gefälliger, mitunter konsensradiokompatibel abgemischt. Seitdem hadern auch Herzensfans mit ihr, denn live beweist sie nach wie vor, dass sie noch angry rebellriotrocken kann, doch live sieht man sie ja viel zu selten. Warum holt sie sich seit Jahrzehnten keine externen Produzenten mehr hinzu, rätseln manche, um ihren Sound zeitgeistig aufzupimpen? Simple Antwort: Diese Frau ist es leid, sich von anderen reinreden zu lassen. Sie ist eine Pionierin und ein Solitär der Selbstbestimmung, immer noch. Dennoch hat sie eine seltene Begabung zum aufrichtigen Zuhören, und nicht ­wenige ihrer Songs basieren, wenn auch hermetisch verfremdet und lyrisch verschachtelt, auf Begebnissen, von denen ihr Fans erzählt ­haben, besonders Queers und Frauen. „Hetero-Männern bin ich meist nicht glatt genug“, sagt Tori Amos.

Seit „Night of Hunters“ (2011), das beim Berliner Label Deutsche Grammophon erschien, bewegt sich Tori Amos Richtung Klassik, unverkennbar spielt darauf Andreas Ottensamer, Solo-Klarinettist der Berliner Philharmoniker. Ironie der Geschichte, dass „Native Invader“, die noch pressfrische Platte, ausgerechnet bei Decca erscheint, dem Label, das einst die Beatles ablehnte mit der Begründung, GitarrenBands seien jetzt aber wirklich aus der Mode. Und nun machte Tori Amos, die wegen ihrer Beatles-Passion vom Konservatorium flog, ein für ihre Verhältnisse recht gitarriges Album dort! Konzeptuell bringt Tori Amos die physische Schlaganfallssprachlosigkeit ihrer Mutter zusammen mit der Schockstarre zu Beginn der Trümmerzeit Trump. Anders noch als beim Song „Yo George“ an Präsident Bush 2007, nennt Amos den Teufel diesmal aber nicht beim Namen. Sie hat lang genug gegenüber vom Weißen Haus Klavier gespielt, um zu wissen: Er ist nur das Exzem eines kranken Systems der Schreibtischtäter. Wenn Amos nun, kaum codiert, vom Klimawandel statt, wie einst, rotzfrech von Regelblutung singt, mögen einige das esoterisch zahm finden. Fakt ist aber, die Frau hat zwar ihren Frieden mit sich gefunden, aber sie ist immer noch sehr wütend auf die Ignoranten dieser Welt. Nun ist sie endlich wieder auf Tour und auf Touren. Pretty Good Year.

Tempodrom Möckernstr. 10, Kreuzberg, Fr 29.9., 20 Uhr, VVK 59 –102 €

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