Kommentar

„Toxisch“ von Stefan Hochgesand

Kürzlich hatte uns die Sängerin Mitski im Interview verraten, dass sie auf grünen Tee schwört, wenn sie tourt, und nicht auf Kokain

Stefan Hochgesand

Einige fanden das aberwitzig harmlos für eine Rockerin. Überhaupt fällt mir auf, dass Musiker in letzter Zeit gern Kokosnusswasser schlürfen oder erzählen, wie sie sich den perfekten anti­toxischen Direktsaft mixen. Das könnte Hinweis auf durchzechte Exzess-Nächte zuvor sein. Vielleicht aber auch darauf, dass sie achtsamer mit sich umgehen. Passt natürlich nicht zum selbstzerstörerischen „Live fast, die young“ à la Amy Winehouse.
Ziemlich schockiert hat mich vor ein paar Tagen der Post von Hutch Harris, dem Sänger der Thermals – unter meinen Lieblingsbands die einzige, die auf Basis von nur zwei Akkorden und Lo-Fi-Gitarren-Geschrammel einen Wahnsinnssound draufhat.
Hutch Harris jedenfalls, mittlerweile 41 Jahre alt, haute im Internet ein Manifest raus, warum er niemals wieder auf Tour gehen wolle: Er habe die letzten 20 Jahre in Tourbussen vergeudet, acht Stunden Fernfahrt jeden Tag statt selbstverwirklichender Kreativzeit. Ungesund sei das in hohem Maße und zudem „künstlerischer Tod“. Und es sei einfach peinlich, den Bus anzuhalten, bloß um mal pissen zu dürfen.
Das Leben auf Tour für mittelgroße Bands ist halt eher Jugendherberge als Beautyfarm. Ich bin verdammt glücklich, in einer Stadt zu leben, in der viele einen Stop einlegen. Und Hutch Harris überlegt es sich hoffentlich noch mal. Ich würde ihm auch eine Wagenladung Detox-Saft pressen.

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