Konzerte & Party

Travis – Ode To J.Smith

travisDort wurden sie zunächst notdürftig domestiziert, von Steve Lillywhite höchstpersönlich. Dem immerhin das Kunststück gelang, „Rock“ gerade so weit zu entschärfen, dass mit der Restgefahr noch Furore zu machen war, ohne Airplay zu gefährden. Dann folgte die Ära Godrich, Travis fanden ihre Bestimmung in Melodien für Millionen und bewiesen nebenbei, dass nichts anrüchig daran ist, mit Bedacht uncool zu sein. Was die wetter?wen?dische Musikpresse im UK verständlicherweise ganz anders sieht, denn im Maulaufreißen, Dissen und Dünkeln sind Travis einfach Nieten.
Daran wird auch der Umstand nichts ändern, dass „Ode To J.Smith“ (Universal), im UK auf besagtem bandeigenen Label veröffentlicht, ohne jede Fremdeinmischung mithin, etliche feine Überraschungen bereithält. Die schiere Wucht, mit der sich „Chinese Blues“ Bahn bricht, der Piano-Anschlag auf die Magengrube, die gebrochenen Moll-Akkorde und Fran Healys düsteres Lamentieren bestimmen den Ton einer Platte, die binnen zwei Wochen analog aufgenommen wurde, ein klanglicher Mehrwert, der sich freilich nur auf Vinyl realisieren lässt. Andy Dunlops Leadgitarre steht mehr als zuletzt im Rampenlicht, sanft psychedelisierend auf „Broken Mirror“ oder spitz-riffig auf „Long Way Down“. Das Wesen der Ode gibt das Werk indes nur widerwillig preis: Die Geschichte des J.Smith, eines Jedermann, wird nicht linear erzählt. Seine „Last Words“ sind kein Epilog, davor und danach geht es um den Tod, das Irren und Wirren in Bewusstseins?sphären und schließlich die unfreiwillige Rückkehr in die Hölle, die man Leben nennt.
Kein Lehrstück also, kein Album, dessen Konzept dechiffriert werden muss, um es genießen zu können. Am Ende setzt es mit „Song To Self“ gar noch eine gloriose Versöhnlichkeit, die auch „The Man Who“ zur Zierde gereicht hätte.

Text: Wolfgang Doebeling

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