Eklektizismus

Tune-Yards im Festsaal Kreuzberg

Gegen das Klischee: Feminismus, Intersektionalität und andere Minenfelder: Die Diskussionen, die Tune-Yards auslöst, lassen manchmal vergessen, dass Merrill Garbus vor allem großartige Musik macht

Eliot Lee Hazel

Wohl bei kaum einem Act des ­aktuellen Popbetriebs ist die Diskrepanz zwischen dem, was über die Künstlerin in Blogs oder der Presse zu lesen ist, und dem, was man mit ihr live erlebt, derart groß wie bei Tune-Yards.

Im Januar ist mit „I Can Feel You Creep Into My Private Life“ das vierte Album des Projekts erscheinen, wohinter im wesent­lichen die 39-jährige Sängerin und Multi-Instrumentalistin Merrill Garbus steckt (auch wenn ihr langjähriger Bassist und Ehemann Nate Brenner neuerdings auch offiziell Teil von Tune-Yards ist). Ihre Musik wird in den Medien nicht selten als komplexes, etwas anstrengendes Referenzdickicht rezipiert: auf musikalischer Ebene, denn Garbus’ Sound ist ekletizistisch, bisweilen überfrachtet. Vor allem aber, was die Themen ihrer Songs ­angeht. Es steckt nämlich viel an politischem Diskurs in den Stücken.

Letztgenannter Aspekt scheint die Wahrnehmung dieser im kalifornischen Oakland ­lebenden Künstlerin zu dominieren, zumindest in ihrer Heimat. Den einen ist Garbus mit ihren Themen popgewordenes Klischee, andere empfinden sie als Künstlerin auf der Höhe der Zeit. Jedenfalls gilt sie das Paradebeispiel dessen, was jenseits des Atlantik als „woke artist“ bezeichnet wird, so der aus dem afroamerikanischem Slang abgeleitete Begriff für jemanden, der ein sozio-politisches Bewusstsein recht direkt in Kunst übersetzt.

Im Fall von „I Can Feel You Creep Into My Private Life“ sind das einige der ­Diskurse, die aktuell an US-Colleges verhandelt ­werden: Feminismus und die Frage, wer für wen sprechen darf, Intersektionalität, weiße ­Privilegien und das Minenfeld der kulturellen Aneignung. Da ging es auf früheren Tune-Yards-Alben doch noch etwas unverkrampfter und spielerischer, einfach einen sympathischen Tick surrealer zu.

Auf der anderen Seite, abseits all der Diskurse, steht die spielfreudige Performerin, die Garbus eben auch ist. Mit ihrer unglaublichen Bühnenpräsenz füllt sie Konzertsäle und wirkt dabei so gar nicht, als hätte sie sich an etwas abzuarbeiten. Oder, anders gesagt: gar nicht zeitgeistig, eher ziemlich zeitlos. Aus dem vielschichtigen Sound – auf ­früheren Alben schöpfte sie aus Indiepop, Folk, und Weltmusik- Einflüssen, aktuell dominieren elektronischere Sounds und Dance-Pop – wird auf der Bühne ein geschmeidiges, leichtfüßiges Ganzes.

Beim Interview am Telefon finden diese beiden nur scheinbar disparaten Facetten der Musikerin dann aber ganz problemlos zusammen: Garbus ist eine Künstlerin, die sich viele Gedanken macht über ihrer ­Rolle („Ich verstehe nicht , warum Leute mich ­politisch nennen. Es ist doch logisch, dass man sich als Mensch Gedanken macht um die Welt und den eigenen Platz darin.“) und über ihre privilegierte Mittelschichtsherkunft – was sicher auch damit zu tun hatte, dass etwa die Afrobeat-Anleihen ihrer früheren Alben unter dem Stichwort kulturelle Aneignung scharf kritisiert werden. Im Song „Colonizer“ klingt es fast nach Selbstkasteiung, wenn sie mantra­artig wiederholt: „I use my white woman’s voice to tell stories, stories“. Die Zeiten sind, besonders in den USA, ungemütlich, und Garbus artikuliert ihr Unbehagen. Das Politische ist eben auch privat. Trotzdem: Manchmal wünscht man sich die Unbefangenheit ihrer frühen Alben zurück.

Im Gespräch schlägt Garbus aber auch unerwartete Haken. Sie hat reichlich Humor, scheint sich über produktive Reibungen und jedes Missverständnis ihre Texte betreffend zu freuen. Und äußert sich sarkastischer, als es ihr Bemühen um politische Korrektheit vermuten lasst. „Der Menschheit“, sagt sie, „ist als Spezies nicht zu trauen.“

Soundästhetisch ist sie mit dem ­aktuel­len Album wieder näher am rumpeligen Lo-Fi-­Sound ihres Debüt „Bird-Bains“ (2009). ­Offenbar will sie auch klanglich Widerhaken setzen, auch wenn sich nach einige Hördurchgängen dann doch der Pop-Appeal ihrer Songs herausschält. Und live wird wohl, wie eigentlich immer bei Tune-Yards, ein ganz eigenes, mitreißendes Erlebnis draus werden. Dann werden Merrill und Band mit ihrem Händchen für Rhythmen und eingängige Chants ihr Publikum wieder zum Tanzen bringen. Auch wenn die Texte einem manchmal im Hals stecken bleiben.

Festsaal Kreuzberg Am Flutgraben 2, Treptow, Di 27.3., 20.30 Uhr, VVK 20 € zzgl. Gebühren

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