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TV on the Radio im SO 36

TV on the RadioSeit mehr als einem Jahrzehnt zelebriert ein Großteil der musizierenden afroamerikanischen Bevölkerung ein beispielloses Ritual der Selbstentwertung. Anstatt sich nachvollziehbar und eloquent über das eigene Schicksal zu beklagen oder wenigstens simple Fragen mit großer Wirkung („What’s Going On?“) zu stellen, karikieren Rapper und R&B-Stars ihr Dasein mit dem ewig gleichen Getue, bezeichnen sie sich stolz als Gangster, Dealer, Spieler, ihre Frauen als Prostituierte und Schlampen und alles zusammen schließlich als niggaz. Reichlich tumb. Denn am Ende fühlt sich das Establishment so bloß in seinem Vorurteil bestätigt, dass man den überwiegenden Teil einer ganzen Ethnie lieber weiter in Ghettos darben lässt.

Genau das ist es, was Sänger Tunde Adebimpe in den Wahnsinn treibt und sein Herz vor Wut höher schlagen lässt. In „The Wrong Way“ setzt er erbost, aber mit hochpoetischer Ader Nadelstiche gegen schwarze Selbstdarsteller, die den Irrglauben glorifizieren, dass in dieser Welt nur Klunker, Knarren und Kokolores zählen.


Große Bands kündigen sich an. Mit einem Urknall, Paukenschlag, Donnerwetter. Oder mit einem Statement, wie Adebimpe es im ersten Song auf dem ersten Album von TV On The Radio abgegeben hat. Die Musik dazu ist nicht weniger spektakulär. In „The Wrong Way“ ergeben Saxofonakkorde, verzerrte Bassgrooves, Rockabilly-Schlagzeug und Adebimpes Soulstimme ein brodelndes Gemisch. Nur ein Beispiel. Bei der New Yorker Band ist man sich nie sicher, was sie in ihrem Entwicklungslabor sonst noch im Schilde führt. In „Young Liars“ röhren die Synthesizer wie früher bei Gary Numan, dann verdichtet sich alles zum hypnotischen Noise-Spiritual. „A Method“ fällt mit sanften Gesangsharmonien aus der Doo-Wop-Ära und heftigen metallischen Schlägen aus der Reihe. In „Bomb Yourself“ meditiert die Band zu pumpenden Dub-Bässen über die Sinnlosigkeit von Krieg und Zerstörung.

Hier kommen TV On The Radio der politischen Energie des Post-Punk verdammt nahe, aber es wäre falsch, sie deshalb in irgendeine Schublade zu stecken. Adebimpe hat an der Filmschule der New Yorker Universität studiert und danach Trickfilme und Videos mithilfe der Zeitraffertechnik produziert. Er kann also visualisieren, was er hört, und sich denken, dass es besser ist, nicht zweimal dasselbe „Bild“ zu zeichnen. Aus diesem Grund haben TV On The Radio bisher auch drei recht unterschiedliche Alben gemacht. „Desperate Youth, Blood Thirsty Babes“ war die reinste Spielwiese und erinnerte musikalisch und strukturell an Free Jazz. „Return To Cookie Mountain“ wirkte düsterer, lauter, grimmiger, und das trotz eines Gastspiels von Lichtgestalt David Bowie. Auf „Dear Science“ hat, ähnlich wie einst auf „Remain In Light“ von den Talking Heads, der Funk Einzug gehalten. Dazu versucht man sich an der ein oder anderen Melodie oder Hymne.

 

TV on the Radio
Wie das alles auf einen Nenner zu bringen ist? TV On The Radio können sich glücklich schätzen, dass sie eine weitere zentrale Figur in ihren Reihen haben, die jede noch so abstruse Idee zum schlüssigen Ganzen kanalisiert. Andere Bands brauchen Brian Eno, hier gehört der Produzent zur Band. David Andrew Sitek hat zuerst Platten von den Yeah Yeah Yeahs, Liars und von Celebration produziert, im Gegenzug tauchten deren Mitglieder auf Alben von TV On The Radio auf. Diese Umtriebigkeit macht den Soundskulpteur in den Augen des „New Musical Express“ zum Mann, der die Musikszene zurzeit am meisten voranbringt. Dafür spricht, dass sein Interesse inzwischen über das hinausgeht, was bei ihm um die Ecke in den Künstlerkreisen von Brooklyn heiß gehandelt wird. Sein bisher größter Coup ist „Anywhere I Lay My Head“, das von David-Lynch-Atmo umnebelte, rätselhaft schöne Album der Schauspielerin Scarlett Johansson. „Ich höre die Leute immer von diesem und jenem neuen Ding sprechen, so etwas geht aber glatt an mir vorüber. Ich wage mich lieber in Ambientbereiche vor. Oder mich berührt etwas aus heiterem Himmel. Neulich habe ich eine Frau auf einer Straßenüberführung singen gehört, das hat mich total umgehauen“, berichtete er dem „NME“. Siteks Sound steht nicht selten unter dem Einfluss von Geräuschästheten der 80er Jahre. My Bloody Valentine werden in diesem Zusammenhang häufig genannt, aber eigentlich orientiert er sich mehr an den Gründerjahren des englischen Labels 4AD, für das TV On The Radio heute nicht ganz zufällig auch aufnehmen. Vor allem der ätherische Trancepop der Cocteau Twins hat seine Spuren hinterlassen. Die Band hat außerdem den Pixies-Song „Mr. Grieves“ gecovert, das Original war ebenfalls auf 4AD erschienen.


Noise-Experimente auf der einen, schwarzer Bürgerrechtsgospel auf der anderen Seite – so eine Kombination hat es, in dieser ausgereiften Form zumal, noch nicht gegeben. Gut zu wissen, dass sich jemand in Zeiten der ständigen Wiederholung noch in den Dienst der Innovation stellt und so bravourös auftrumpft.


Text:
Thomas Weiland

SO 36, Di 25.11., 21 Uhr, VVK: 17 Ђ

 

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