Konzerte & Party

Twile im Tiefgrund

Twile

Als Wissenschaftler forscht der 38-Jährige zu Klangstrukturen, als Produzent elektronischer Musik setzt er die Erkenntnisse direkt um. Anlässlich seines Konzertes im Tiefgrund in Berlin-Friedrichshain haben wir mit ihm gesprochen.

tip Wird es beim Berliner Gig auch einen visuellen Aspekt geben?
Twile Im Zentrum stehen die Songs des nächsten Albums, allerdings in einer sehr reduzierten Form. Weder visuelle Elemente noch Vocals sind geplant. Stattdessen gibt es dunkle epische Sounds, langsame Rhythmen, kontemplative Melodien und einen sehr tiefen Bass.

tip Deine letzten Veröffentlichungen liegen bereits ein paar Jahre zurück. Gab es eine Pause oder hast Du Dich für andere Vertriebswege, z.B. Downloads über Deine Webseite entschieden?
Twile Stimmt, außer Wiederveröffentlichungen gab es seit ein paar Jahren kein neues Material. Ich wollte eigentlich keine Pause einlegen. Als die EP „Traum-A“ 2007 erschien, arbeitete ich auch an der Live-Umsetzung. Zur gleichen Zeit schrieb ich Material für ein rein instrumentales Album. Aber, wie es manchmal so passiert, ändern sich die Prioritäten. Mir schwebten auf einmal Vocals vor, die in eine Mischung aus Dubstep und Klassik eingebettet werden. Die beiden Stile betrachtete ich als die an die entferntesten Extreme. Aber wie bringt man harmonische Melodien mit einem hohen Grad an Abstraktion zusammen? Daran habe ich lange gefeilt. Außerdem kamen private Umstände hinzu, die meine volle Konzentration erforderten. Ich wurde Vater und begann mit meiner Doktorarbeit. Das erschien mir plötzlich wichtiger als elektronische Musik zu produzieren.

tip Für Dich waren MP3-Veröffentlichungen von Anfang an normal. Es gibt Stimmen, die das Medium Internet und das MP3-Format für den Niedergang des Musikbusiness verantwortlich machen wollen.
Twile Es ist auf jeden Fall so gut wie unmöglich geworden, heutzutage einen Plattenvertrag für experimentelle elektronische Musik an Land zu ziehen. Ich habe das Demo meines neuen Albums an unterschiedliche Plattenfirmen geschickt. Was passierte? Nichts! Es gab nicht einmal eine Antwort. Also, werde ich die Sache mit einem eigenen Label in die Hand nehmen. Die Business-Komponente ist neu für mich und natürlich bin ich etwas besorgt deswegen. Selbst bei eingeschworenen Fans kannst Du nicht sicher sein, dass sie die nächste Scheibe auch wirklich kaufen werden.

tip Wird das Album auch an der Schnittstelle Elektronik/Akustik agieren?
Twile Das reizt mich nach wie vor. Obwohl die akustischen Elemente digital bearbeitet wurden, wie zum Beispiel das Cello, das von Anne Krickeberg eingespielt wurde. Nicht, weil ich mit ihren Fähigkeiten nicht zufrieden war – ganz im Gegenteil! Sondern eher, weil ich versuche, akustische Grenzen auszutesten. Ich habe die letzten Jahre fast nur moderne Klassik gehört.

tip Deine Musik könnte aber auch hervorragend als Soundtrack funktionieren.
Twile Ja, stimmt. Ich würde unheimlich gern bestimmte Sequenzen, besonders aus dem Bereich „Film noir“, re-interpretieren. Cronenberg oder Lynch wären auch spannend. Aber beide arbeiten ohnehin mit großartigen Komponisten zusammen. Daher sitze ich jetzt nicht angespannt zu Hause und warte auf ihren Anruf. (lacht)

tip Du hast einige Zeit in Berlin verbracht. Wie ist Dein Verhältnis zur Stadt?
Twile 2008 lebte ich hier und dann immer mal wieder sporadisch. Wenn ich könnte, würde ich hier mehr Zeit verbringen: Tagsüber komponieren und Ausstellungen besuchen und abends ab in den Club. Es gab immer wieder Phasen, in denen ich fast ausschließlich Berliner Musiker und DJs zu Hause auflegte. Der Geschmack mag sich ändern, aber nicht der künstlerische Bezugspunkt. Der bleibt Berlin. Aber die Lebensqualität in Helsinki ist nicht zu verachten. Und schließlich lebt meine Familie hier. Das ist dann vielleicht doch der größte Bezugspunkt.

Interview: Ronald Klein

Foto: Christoph Banski

Twile, Tiefgrund, Fr 10.08., 22 Uhr

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