Konzerte & Party

Udo Lindenberg in der Max-Schmeling-Halle

Udo_Lindenberg_mit_Jan_DelaySpätestens seit Rick Rubin mit der Reanimation von Johnny Cash den Typus des coolen Alten erfand, ist Pop nicht mehr allein eine Domäne der Jugend. Seitdem wissen wir: Man muss als Künstler nur lange genug dabeibleiben, um irgendwann unsterblich zu werden. Auf Deutschland jedoch schien Derar­tiges kaum übertragbar – es mangelte am geeigneten Personal. Zwar gäbe es wohl altgediente Recken, die der Animation bedürften, aber die kommerzielle und künstlerische Wiederbelebung etwa Marius Müller-Westernhagens hätte wohl kaum die Dimension eines Shakespeare-Dramas. Udo_Lindenberg
Anders Lindenberg: Hier waren alle Voraussetzungen gegeben. Eine Dekaden umspannende Karriere, ein revolutionäres Frühwerk und natürlich mensch­liche Dramen, Zu­sam­men­­­­brüche, mit einem Wort: Sex & Drugs & Rock’n’Roll. Eine vergleichbare Figur hat der bundesdeutsche Unterhaltungsbetrieb nach dem Krieg nicht mehr produziert. Und so ist denn auch das Comeback des Mannes, der die deutschsprachige Rockmusik zwar nicht erfunden, aber populär gemacht hat, die Sensation des Jahres. Jahrelang war Lindenberg belächelt worden, nun galt „der Mann mit dem Hut“ plötzlich als schick. Hunderttausende kauften sein in Kooperation mit Andreas Herbig entstandenes Album Stark wie Zwei, das dem Sänger erst­mals in seiner Karriere die Top-Position in den Charts sicherte.
Man muss sich das einfach mal vorstellen: Es war zu Beginn der Siebziger undenkbar, ir­gend­etwas anderes als Schla­ger­lieder auf Deutsch zu singen. Deutsch, das war eine reaktionäre Spra­che. Kon­­so­­nan­ten­lastig und roh – die Sprache der Spießer, die Spra­­che des Feindes. Denn was nützte die Dichter-und-Denker-Tradition, wenn die Dichter und Denker von den Nazis aus dem Land gejagt oder ermordet worden waren. Auf Deutsch.
Udo Lindenberg indes war es etwa auf Ball Pompös gelungen, dieser klaren, eindeutigen Sprache etwas schnodde­rig Vieldeutiges, ja Ver­­­spiel­­tes zu ent­lo­cken. Zu Beginn. Erst später mutierte er zunehmend zum dröge Klischees thematisierenden singenden Sozialarbeiter – und schließlich zu einer Karikatur seiner selbst. Lindenbergs Sprache funktionierte nicht mehr. Nicht nur, weil keiner mehr so redete, sondern auch und vor allem, weil das ganze Schubidu-Lindi-Getue nur noch Worthülsen produzierte.
Natürlich fängt auch „Stark wie Zwei“ nicht den Zeitgeist ein, sondern das Album imitiert des Sängers erfolgreichste Karrierephase bis Mitte der Achtziger. Ein sentimentales Spätwerk, das nicht viel will außer dem Offensichtlichen: einen Soundtrack liefern für Er­in­nerungen. Immerhin die werden garan­tiert belebt, wenn Lindenberg gleich an zwei Terminen auf der Bühne der Max-Schmeling-Halle steht – unter anderem dabei: Steffi Stephan, mit dem Lindenberg vor 35 Jahren die erste Version seines Panikorchesters gründete.

Text: Torsten Groß

Udo Lindenberg
Max-Schmeling-Halle,
Mi 15.10., 20 Uhr (ausverkauft) und Sa 18.10., 20 Uhr,
VVK: 45-55 Ђ
Tickets unter www.tip-berlin.de/tickets

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