Konzerte & Party

Über die Ökonomie des Berliner Nachtlebens

Nachtleben Berlin

Der Rest ist Verhandlungssache. Der Club versucht meist, den Veranstalter noch an den Ausgaben für Sicherheit, GEMA und sonstige Posten zu beteiligen. Wenn es seine Verhandlungsposition hergibt, fordert er sogar eine Miete oder zumindest einen garantierten Getränkeumsatz. An dieser Stelle wird es selbst im wilden und glamourösen Nightlife meist recht buchhalterisch, zumindest die Veranstaltungsprofis kennen sich mit dem Tabellenkalkulationsprogramm Excel allerbestens aus.  
An jedem einzelnen Posten wird gerechnet und wenn möglich gespart. Die Fragen der Veranstalter sind stets dieselben: Brauche ich wirklich den vierten DJ? Die Werbeanzeige? Die von den DJs gewünschte Zusatztechnik? In der Regel wird möglichst knapp kalkuliert.
Das führt dazu, dass die Löhne und Gehälter im Berliner Nachtleben alles andere als üppig sind. Barpersonal erhält im Schnitt 8 bis 12 Euro pro Stunde, selbst Fachkräfte wie Licht-Jockeys gerade mal 15 bis 20 Euro. Viele arbeiten als geringfügig Beschäftigte auf 400-Euro-Basis, darunter oft Studenten oder Arbeitssuchende, die sich zum Hartz-IV-Regelsatz noch etwas dazuverdienen. Auch die DJ-Gagen sind bei den Berliner Clubs alles andere als exorbitant, lokale DJs im oft sehr langen Line-up erhalten je nach Reputation zwischen 100 und 350 Euro pro Gig. Nur die großen Clubs oder einzelne Veranstalter leisten sich noch Star-DJs mit vierstelligen Gagen, von denen für Ausländer auch noch pauschal eine Ausländersteuer von 18,8 Prozent abgeführt werden muss.
Nachtleben BerlinEin großes Problem der Veranstalter, die vom Eintrittspreis leben, sind zu lange Gästelisten. Wer je die Schlange vor dem Gäste-Counter beim Berlin-Festival gesehen hat, wird sich fragen, ob bei diesem Event überhaupt jemand Eintritt zahlt.
Wie es dazu kommen kann, erläutert der Macher der Partyreihe Kings Club, Stefan Wirth: „Einerseits will ich meinen Freunden kein Geld abnehmen, aber wenn zu einer kleineren Party für 300 Leute fast nur Freunde und Bekannte kommen, wird es sehr schwierig. Es ist am Ende für mich ziemlich ungerecht, wenn all diese Leute richtig guten Umsatz an der Bar machen, aber bei mir als Veranstalter durch eine lange Gästeliste rein gar nichts hängen bleibt.“
Doch bei allem, was bei Veranstaltungen schiefgehen kann, ist das noch ein kleineres Übel. Unsmart wird es, wenn der Organisator keine Rücklagen hat und seine Kosten am Abend nicht bezahlen kann. Im Einzelfall ist es nach der missratenen Party schon passiert, dass die eigene Security des Veranstalters bei ihm zu Hause einritt. Wo er bei seiner ahnungslosen Mutter wohnte. Und wo die Sicherheitsmänner erst mal alles konfiszierten, was nicht niet- und nagelfest war. Mama war erst zu Tode erschreckt, löste die Partyschulden des Sohnes dann aber mit dem Ersparten aus.
Doch selbst dann, wenn man als Veranstalter die Getränke selbst verkauft, muss nicht alles glattlaufen, wie ein Beispiel aus den 90ern und dem legendären E-Werk zeigt. Als deren Betreiber einst Kassensturz und Inventur machten, weil sie sich wunderten, dass trotz vollen Ladens und ekstatischer Partys am Ende rote Zahlen geschrieben wurden, stellten sie fest: Fast 70 Prozent aller alkoholischen Getränke wurden an die Gäste spendiert. Wenig später wurde ein Bon-System eingeführt, und danach ging es nie wieder so großzügig zu.
Eine andere Möglichkeit, viel Geld zu versenken, ist die Zwischennutzung leer stehender Gebäude. Da in den seltensten Fällen bekannt ist, wie lange die Stätten bespielt werden können, gehen die Clubbetreiber mit den Anfangsinvestitionen, die das Gebäude überhaupt erst in den Zustand einer genehmigungsfähigen Location versetzten, oft ein hohes Risiko ein, bei dem sich erst viel später herausstellt, ob es sich rechnet.
Nachtleben BerlinSo unromantisch es klingt, striktes Controlling ist im Nachtleben ein genauso wichtiger Erfolgsfaktor wie in jedem anderen Geschäft. Die Besonderheit der Partybranche liegt darin, dass es in der Nacht in einem knackvollen und heißen Laden, in dem viele berauscht sind und in dem es schon vom Konzept her drunter und drüber geht, noch ein wenig schwieriger als anderswo ist, die Kontrolle zu behalten.
Für den Clubbetreiber gibt es eine Menge zu beachten: Brandschutz, Lärmschutz, Energiedämmung, versicherungsrechtliche Fragen. Die Clubcommission bietet für Clubs und Veranstalter ein Projekt namens „ClubConsult“, in dem Workshops für Veranstalter stattfinden.
Eine besondere Problematik ergibt sich bei der Mehrwertsteuer, die im Eintrittspreis enthalten ist. Ob hier regulär 19 Prozent angesetzt werden oder der verminderte Satz von 7 Prozent, ist seit Jahren ein Streitfall zwischen Clubs und Finanzbehörden. Der verminderte Satz von 7 Prozent ist dann fällig, wenn es sich beim Clubabend um eine „Konzertveranstaltung“ handelt. Hierzu hat es inzwischen ein Urteil gegeben, auch das DJ-Set eines Künstlers kann als solche gewertet werden.
Doch die Finanzbehörden monieren, dass die Leute in den Club ja nicht zwingend wegen des performenden Künstlers kommen, sondern wegen des Trink- und Tanzvergnüges, was ihnen wiederum erlauben würde, die vollen 19 Prozent anzusetzen. Das hat in einigen Fällen zu Nachzahlungsforderungen im hohen fünfstelligen Bereich geführt, gerade wenn der Differenzbetrag rückwirkend für die letzten fünf Jahre gefordert wird.
Im Moment ist es so, dass in Berlin einige Clubs 7 Prozent Mehrwertsteuer, andere wiederum die vollen 19 Prozent abführen, obwohl sich Machart und Programm der Veranstaltungen nicht wesentlich voneinander unterscheiden. Planungssicherheit sieht anders aus. Aus diesem Grund strengt das Cookies derzeit eine Feststellungsklage an, bei der diese Frage für alle verbindlich geklärt werden soll. Dieses Urteil wird für alle, die in Berliner Clubs ausgehen, wichtig sein. Werden 19 Prozent veranschlagt, dann wird das Ausgehen in Berlin mindestens 12 Prozent teurer.

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