Konzerte & Party

Über die Ökonomie des Berliner Nachtlebens

Nachtleben Berlin

Das Nachtleben in Berlin funktioniert anders als in anderen Metropolen. Dort sind es zuweilen Investmentgesellschaften, die teure Superdiscotheken bauen, die sich dann über sehr lange Zeiträume refinanzieren. Ein Beispiel in Berlin für ein solch gescheitertes Projekt war das Dorian Gray, einst ruhmreiche Disco am Frankfurter Flughafen, die mit großem Pomp und Millioneninvestition am Potsdamer Platz wiedereröffnen sollte. Nach der rauschenden Opening Party blieb der Laden weitgehend leer, die Reste werden nun von einem Nachfolger weiterverwendet. Und auch die Nightlife-Zampanos, die ihren Erfolg offen zelebrieren, fehlen in Berlin vollständig. Selbst sehr erfolgreiche Clubmacher wie Heinz Gindulis alias Cookie sind sehr zurückhaltend.  
Während die meisten großen Veranstalter mit GmbHs oder sonstigen Gesellschaftsformen mit beschränkter Haftung arbeiten, ist ein anderes Modell das des eingetragenen Vereins, meist des Kulturfördervereins. Es wird von Veranstaltungscombos genutzt, die sich selber als Non-Profit-Organisationen verstehen, vor allem wenn sie nur unregelmäßig Partys veranstalten. Sie erklären ihre Location kurzerhand zum „Vereinsheim“, mit dem Eintritt wird formal eine Monatsmitgliedschaft im Club verbunden, die Partygäste müssen sich am Eingang als Vereinsmitglieder in eine Liste eintragen. Getränke gibt es gegen eine Spende.
Nachtleben BerlinDas Vereinsrecht bietet den Machern von Vereinspartys einige entscheidende Vorteile. So wird keine spezielle Schankerlaubnis vorausgesetzt, es müssen keine Genehmigungen für Livemusikauftritte eingeholt werden, auch die Brandschutzauflagen sind für Privatfeiern längst nicht so ausgefeilt wie für reguläre Partys. Gemeinnützige Vereine genießen darüber hinaus erhebliche Steuervorteile, eben weil Gewinne nicht vorgesehen sind. Schlaue Macher investieren etwaige Überschüsse in Equipment, das dann nicht mehr angemietet werden muss oder sparen das Geld für die spätere Umwandlung in eine GmbH.
Ganz problemlos ist dieses Modell allerdings nicht. Geht die Party schief, haftet der Vorstand des Vereins mit seinem privaten Kapital. Doch auch der Erfolgsfall ist kein Garant für gute Laune. In Neukölln hatten die Vereinsmacher nach einer über alle Erwartungen gut gelaufenen Party plötzlich 27.000 Euro Bargeld auf dem Schreibtisch, was zum erbitterten Streit über die Weiterverwendung der Einnahmen und zum Split führte.
Auch haben die Finanzbehörden ein Auge auf diese Veranstaltungform geworfen, insbesondere dann, wenn die „gemeinnützigen Partys“ immer öfter und in immer kürzeren Abständen stattfinden. Das Gleiche gilt für das Veranstaltermodell Galerie mit Ausschank – so startete auch der Tresor.
Für illegale Partys ist es sehr viel schwieriger als früher. Die Gefahr aufzufliegen ist in den Zeiten von Facebook sehr viel größer geworden. Finanzamt und GEMA forschen längst in den sozialen Netzwerken, damit ihnen nichts entgeht. Gerade die GEMA gilt als sehr energisch. In einem Fall standen die GEMA-Kontrolleure bereits bei der Baustellenparty, noch vor der Eröffnung des kleinen Clubs, vor der Tür, um die Betreiber sofort unter Vertrag zu nehmen.
Ob kleine Partys oder große Clubs, immer gilt: Das Berliner Nightlife lebt vom Enthusiasmus seiner Macher, und bei den meisten steht nicht der finanzielle Gewinn im Vordergrund. Ihnen geht es darum, die Party, auf der sie selber gerne feiern würden, umzusetzen, Idealismus und Selbstausbeutung für die gute Sache inklusive. Insbesondere die liebevollen Clubdekos in vielen Berliner Läden wären ohne die oft nicht oder nur mit Minimalbeträgen honorierte Leistung der Macher niemals zustande gekommen.
Das Alleinstellungsmerkmal des Berliner Nachtlebens ist das niedrige Preisniveau. Ein Clubabend in anderen Metropolen ist teilweise so teuer, dass für europäische Touristen das Ausgehvergnügen in Berlin selbst inklusive Easy-Jet-Flug und Hotel noch günstiger ist als der Clubabend in ihren Heimatstädten. In stillen Momenten blickte mancher Berliner Clubbetreiber in der Vergangenheit ein wenig neidisch auf Bierpreise von 8 bis 20 Euro in anderen Städten, die in Berlin undenkbar erscheinen. Das jetzige Preisniveau ist für den Boom mitverantwortlich, von dem viele recht gut leben können. Wirklich reich werden davon nur wenige.

Fotos: Benjamin Pritzkuleit

Lesen Sie hier: Die neuen GEMA-Tarife

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So kalkuliert der Partyveranstalter

Die Nacht ist vorbei – wer bekommt meine Kohle?

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