Konzerte & Party

Über die Ökonomie des Berliner Nachtlebens

Nachtleben Berlin

Die Schlange vor dem Eingangsbereich ist lang. Alle DJs sind pünktlich am Start. Die Leute haben sich für die Samstagnacht aufgebrezelt. Im Kassenbereich wird anstandslos bezahlt. Der Türsteher kann es sich sogar leisten, Gäste abzuweisen. Und das Hauptproblem des Abends könnte höchstens noch sein, dass das Wechselgeld ausgeht, oder noch schlimmer, die Getränke knapp werden. Spätestens,  wenn sich die Lage so präsentiert, lehnt sich der Partyveranstalter für einen Moment entspannt zurück und freut sich über die Wahl seiner Erwerbstätigkeit.
Die Partyszene in Berlin boomt. Ständig machen neue Clubs auf, und immerhin 35 Prozent der Touristen, die Berlin besuchen, gaben in einer Umfrage an, dass sie wegen des Nachtlebens anreisen. Das sind weit mehr als die, die für Ausstellungen, Konzerte oder andere kulturelle Veranstaltungen in die Stadt kommen.
So mancher hat deswegen die Vorstellung, dass die Clubs und Partyveranstalter sich im Berliner Nachtleben eine goldene Nase verdienen. Das Nightlife-Biz hat ein Image, das aus dem Film über die legendäre New Yorker Disco Studio 54 stammen könnte. Dort hortet der Discobetreiber Steve Rubbell im Vollrausch säckeweise Bargeld, bis ihn irgendwann die Steuerfahndung schnappt.  Gleichzeitig nimmt man die Berliner Clubs und Partyveranstalter als eine Branche wahr, die beständig klagt, sei es über immer schwierigere Bedingungen beim Betrieb innerstädtischer Locations, über ständig neue Auflagen in Sachen Lärmschutz, über Auseinandersetzungen mit dem Finanzamt wegen unterschiedlicher Ansetzung des Mehrwertsteuersatzes beziehungsweise erheblichen Nachforderungen. Und nun soll auch noch die geplante Tariferhöhung der GEMA die Clubbetreiber in den Grundfesten ihrer Existenz bedrohen.
Nachtleben BerlinVerlässliche Zahlen zum Berliner Nachtleben gibt es wenige. Die einzig verfügbare Studie stammt aus dem Jahr 2008, sie wurde von der Senatsverwaltung für Wirtschaft beauftragt und in Zusammenarbeit mit der Clubcommission und dem Zentrum für Politik, Kultur und Forschung Berlin erstellt. Demnach erwirtschafteten die Clubs hochgerechnet einen Umsatz von 170 Millionen Euro, im Durchschnitt knapp 600?000 Euro pro Jahr und Unternehmen, was allerdings wenig aussagekräftig ist, da sich die einzelnen Betriebe der Club- und Partyveranstaltungs-Branche stark voneinander unterscheiden.
Die meisten Einnahmen von 65 Prozent kamen aus Gastronomieerlösen, 17 Prozent aus Eintrittsgeldern und 17 Prozent über Sponsoring oder Vermietung. 20 Prozent der Umsätze wurden durch Touristen generiert. Gemäß dieser Studie gab es 2008 in der Berliner Clubszene 8.000 Beschäftigte, davon  rund 3?500 sozialversicherungspflichtig, der Rest Freiberufler und Praktikanten. „Diese Zahlen sind heute überholt, sie dürften inzwischen in allen Positionen weit höher liegen“, sagt Lutz Leichsenring, Sprecher der Berliner Clubcommission, in der sich über 120 Clubs und Veranstalter organisieren.  
Als neuere Kennziffer zur Orientierung mag die ebenfalls vom Senat ermittelte Größe von circa 1 Milliarde Euro Umsatz der Berliner Musikwirtschaft aus dem Jahr 2011 dienen, die allerdings auch noch die Einnahmen aller Labels, Musikverlage, Musiker, Studios etc. enthält.
Die Verzahnung der Clubbranche mit anderen Gewerbezweigen der Kreativwirtschaft ist leicht nachzuweisen. Vom Nachtleben profitieren neben der Musikindustrie viele andere Branchen – Getränkehersteller  und -lieferanten, PA- und Anlagenfirmen, Werbe-, Event- und Bookingagenturen. Grafiker und Webdesigner für die Kommunikation. Die Sicherheitsfirmen, die für Türsteher und sonstige Aufpasser sorgen. Die Branchen Tourismus und Mode sind ebenfalls Profiteure des Nightlife-Booms.
Wenn man den Clubbetrieb als solchen betrachtet, erkennt man jedoch schnell, dass das Partygeschäft ebenso personalintensiv wie risikobehaftet ist. Ein typischer Berliner Club mit einer Tanzfläche von circa 800 Quadratmetern hat zwei Geschäftsführer, einen Personaleinteiler, einen Wareneinkäufer, einen Buchhalter, einen Booker, der auch als Künstlerbetreuer arbeitet, zwei Techniker, 15 Barkräfte in verschiedenen Schichten, zwei eigene Securityleute, vier Runner und vier Putzkräfte. Weitere Sicherheitsleute, Dekorateure, Lichtgestalter und die Künstler werden für einzelne Veranstaltungen eingekauft. Noch größere Clubs haben bis zu 60 Mitarbeiter. Bei diesem Aufwand ist es schlicht und einfach erforderlich, dass ein bestimmter Umsatz gemacht wird, um die Kosten zu decken.
Nachtleben BerlinDie Traumkonstellation und der Weg zu schnellem Reichtum für einen Clubbetreiber ist, in seinem Club an mehreren Tagen in der Woche eigene Veranstaltungen zu machen, die gut besucht sind und für die er aufgrund seines Kultstatus wenig Geld für Werbung ausgeben muss. Im besten Fall hat der sogar seine eigenen Künstler, die in seinem Laden für kleine Gagen spielen und davon profitieren, dass die hauseigene Bookingagentur sie in andere Städte zu hohen Preisen weiterverbucht. Fremde Künstler spielen in diesem Club aufgrund seines Kultstatus ebenfalls zu niedrigeren Gagen als anderswo. Im Optimalfall ist der Laden sogar so angesagt, dass ihn zumindest teilweise die Getränkeindustrie sponsert, etwa in Form von Freiware, die zu regulären Preisen verkauft wird. Tatsächlich trifft diese Traumkonstellation in Berlin nur auf die allerwenigsten Läden zu, am ehesten noch auf Berghain und Watergate – beim alten GEMA-Tarif.
Im Normalfall jedoch arbeiten die Location-Inhaber mit Veranstaltern zusammen, die ihnen mit ihrem Programm, ihren Künstlern und ihrer Werbung zahlungskräftiges Publikum in den Laden ziehen sollen. So steht vor jeder Party erst mal ein Deal zwischen dem Club und dem Veranstalter. In der Regel geht die Vereinbarung so, dass der Veranstalter die Künstler, deren Anfahrt und Unterbringung sowie die Werbung bezahlt und dafür die Eintrittsgelder erhält. Beim Club hingegen verbleiben die Erlöse aus dem Getränkeverkauf.

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