Konzerte & Party

Überzeugungsarbeit

Hagen Liebing„Wir sollten schätzen, was wir haben.“ Nein, das ist jetzt kein Spruch von meiner Oma, die ihr altes Birnenkompott unbedingt noch loswerden will. Das ist meine Erkenntnis aus ein paar Tagen Urlaub in der Ferne. Am Flughafen Paris-Orly hatte ich noch schnell ein französisches Elektro-Magazin mitgenommen, „Trax“.
Und ungelogen: Darin lese ich an gleich drei Stellen, was für ein heißes Pflaster mein Berlin doch ist.
Charlie Le Mindu, ein erfolgreicher Coiffeur aus Bordeaux, erklärt, warum er doch lieber an die Spree gezogen ist: „Ich wollte all die Elektro-Mädchen frisieren: Peaches, Cobra Killer, Stereo Total.“ Marsu, ein Musikmanager, schwärmt von Atari Teenage Riot:
„Sie haben einen super Ruf in der Szene und sind integer“. Und das Elektro-Punk-Duo Kap Bambino schließlich zeichnet eine ganz persönliche Tournee-Landkarte Europas, in der unser White Trash Fast Food als „eine Oase des Punk in der Welthauptstadt des Techno“ verzeichnet ist.
Bereits am Ende des Rückfluges bin ich deshalb schon wieder ganz neugierig auf meine schmuddlige, eisverkrustete Heimatstadt geworden.
Für ein paar Wochen mindestens will ich sie zur Abwechslung mal aus der Sicht eines Menschen betrachten, für den all diese klapprigen, aber sensationsheischenden Clubs und all diese komischen, abgeranzten, naiv-aufgeregt-geschäftigen Typen gar nicht selbstverständlich sind. Und wenn dieser schöne Effekt doch wieder nachlässt, weiß ich immerhin, dass es Zeit ist, erneut in Urlaub zu fahren.

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Foto: Harry Schnitger / tip

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