Konzerte & Party

Ultraschall-Festival 2013

Ultraschall_Catch_c_SebastianFrankSchmidtNeue Musik – etwas für Grottenolme und Akademiker!? Man muss zugeben: Wo seit Jahrzehnten experimentiert, dekonstruiert und entgrenzt wird, da ist die Entdeckungsausbeute der zeitgenössischen Musik nicht mehr die größte. Klangverpuffungen moderner Komponisten überraschen nur noch selten. Dieses Dilemma haben auch die Macher des Festivals Ultraschall erkannt. Sie setzen auf Abenteuer mehr denn auf Aufklärung (da fast alles aufgeklärt scheint). Auf Staunen statt auf Spezialismus.

„Den Soundtrack der Gegenwart hören Sie bei uns!“, sagt Mit-Organisatorin Margarete Zander selbstbewusst, die das Festival zum achten und letzten Male fürs Kultur­radio betreut. Sie und Rainer Pöllmann (Deutschlandradio) haben von Chaya Czernowin bis zu Georg Friedrich Haas (sein 7. Streichquartett am 20.1. im UNI.T Fasanenstraße), von George Antheil bis Philip Glass und Frank Zappa eine blumenreiche Bandbreite von Grenzgängern und Altmeistern versammelt. Und zwar, ohne dass das Ganze zu sehr thematisch ausflockt.

Die Höhepunkte aber gehen wild durcheinander. Das 2004 in München uraufgeführte Musiktheater „Cantio“ des litauischen Komponisten Vykintas Baltakas (17.1., Konzerthaus) treibt den meisten Aufwand. Größte Entdeckung des Festivals wird, so hört man, die ungarische Klarinettistin Boglбrka Pecze sein. Die Schülerin von Sabine Meyer wurde sogar von Helmut Lachenmann als unwiderstehlich bezeichnet – und spielt in gleich drei über den ganzen Tag verteilten Konzerten im Radialsystem (26.1., mit Stücken von Jörg Widmann, Beat Furrer und Mark Andrй).
Fast scheint es, dass die Konkurrenz der Maerz­Musik auf das Programm abgefärbt hat. Mehr als 50 verschiedene Komponisten bietet man in elf Tagen. Kriterium ist die Sendbarkeit der Konzerte: „Wir sind ein Radio-Festival und wollen akustisch abbildbar sein.“ Also wenig Theater. Herkömmliche Konzertsäle hat man trotzdem verlassen – in Richtung Kleine Arena vom Tempodrom, FritzClub, Berghain und Volksbühne.

Dass zeitgenössische Musik als abgehoben, hardcoremäßig und abstrakt gilt, dieses Vorurteil wird durch die Erscheinungsweise von Ultraschall selber gestützt. Auch bei seiner 15. Ausgabe erinnert das kobaltblaue Plakat von Ultraschall eher an die medizinische Untersuchung einer gutartig vergrößerten Prostata. Oder an eine Leberzirrhose? – „Ein Männertitel!“, muss sogar Margarete Zander lachend zugeben. „Wenn ich als Frau von Ultraschall spreche, glauben alle, ich bin schwanger!“, klagt sie.
Dabei schlägt selbst hinter musikwissenschaftlichen Brustpanzern ein unverdrossenes Pop-Herz. Zum Beispiel bei „Ruth Is Sleeping“ aus „The Yellow Shark“ von Frank Zappa im FritzClub (24.1. mit dem Ensemble Modern) wird man alle trocken-akademischen Weihen vergessen können. Raus aus dem Spezialisten-Ghetto! Rein in die Clubs. 

Text: Kai Luehrs-Kaiser
Foto: Sebastian Frank Schmidt

ULTRASCHALL FESTIVAL 2013
Do 17. bis Mi 23.1.
,
im Radialsystem, Haus des Rundfunks, Berghain, Konzerthaus u.?a.
Karten-Tel. 288 78 85 88

 

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