Konzerte & Party

Unholy-Alliance-Festival Berlin

Slayer
Bald regnet es wieder Blut, und das ist schon erstaunlich. Während sich in der Fachpresse die Nachrufe auf zu früh verstorbene Metal-Veteranen häufen und Mainstream-Medien den ganzen Zirkus noch immer als eskapistisches Kasperletheater abtun, erlebt das Metal-Genre eine neue Hochzeit. Für Plattenläden und Versandhändler erweisen sich liebevoll verpackte Metal-Tonträger als krisenresistente Umsatzbringer, Dokumentarfilme wie „Full Metal Village“, „Heavy Metal auf dem Lande“ oder „Global Metal“ nähern sich dem Phänomen aus kulturanthropologischer Perspektive, amerikanische Fotografen geraten in den Bann von norwegischen Satans-Rockern und stapfen mit ihnen durch entlegene Urwälder, und selbst die Popkomm hat dem Thema in diesem Jahr einen Programm-Schwerpunkt gewidmet. Dabei wäre es vermutlich ein Irrtum, zu behaupten, dass Metal wieder da ist. Er war nämlich nie wirklich weg.


Ihren treuen Fans zuliebe bewegen sich die großen Protagonisten des Genres zwar auf einem fest abgesteckten Terrain, zugleich arbeiten sie jedoch mit einer an Renitenz grenzenden Beharrlichkeit daran, dass sich das ganze Unheil der Welt immer wieder aufs Neue in Gestalt von markerschütternden Songs manifestiert. Zum Beispiel Slayer, die Berlin nach vierjähriger Abstinenz demnächst als Headliner des Unholy-Alliance-Festivals heimsuchen werden. Das kalifornische Teufelsanbeter-Quartett ist seit 27 Jahren in Geschäft, zusammen mit Metallica gehört es zur ersten Generation von Bands, die sich gleichermaßen an der Schwere von Black Sabbath und am Tempo des amerikanischen Hardcore-Punk orientierten. Aus diesen Einflüssen formten sie einen ultrakompakten Hochgeschwindigkeitsmetal, dem sie über 14 Alben immer wieder überzeugende Variationen abringen konnten. Damit waren sie zwar nie auch nur annähernd so erfolgreich wie Metallica, dafür sind sie aber auch nie vom Wege abgekommen. Der Einsatz von akustischen Gitarren, Ausflüge in die Welt der Rockballaden oder gar die Begleitung durch ein Symphonie-Orchester – als das wäre für Slayer nie in Frage gekommen, denn sie wissen, was man von ihren erwartet. So wechseln sich die beiden Gitarristen Jeff Hanneman und Kerry King noch heute mit halsbrecherischen Mikrosolos ab, Schlagzeuger Dave Lombardo galoppiert mit seiner Double-Bassdrum durch die Songs, und niemand röchelt und kläfft so fein artikuliert wie Tom Araya.

Mastodon


Das hat der Band viele Bewunderer eingebracht: Bereits Anfang der 90er Jahre bezeichneten fünf von fünf Gästen einer US-Talkshow zum Thema „Jugendliche, die töten“ Slayer als ihre Lieblingsband. Aber auch die ansonsten eher für fragile Klaviermusik bekannte Tori Amos ist Fan. Als die zum ersten Mal „Raining Blood“ hörte, sah sie das Bild einer schönen Frau vor sich, deren Vulva in die Münder der Taliban ausblutet – was sie dazu veranlasste, den Titel auf ihrem Album „Strange Little Girls“ nachzuspielen. Derselbe Song wurde in der „South Park“-Folge „Stirb, Hippie, stirb“ dazu verwendet, arglose Blumenkinder zu verjagen. Einen eindrucksvollen Beweis der weltweiten Wirkung von Slayer lieferte kürzlich die Dokumentation „Global Metal“: Sie zeigt geheime Aufnahmen einer Band aus Teheran, die vor einem bestuhlten Auditorium infernalische Instrumentalversionen von Slayer-Stücken spielte – musikalische Darbietungen mit Gesang sind im Iran verboten. Aus diesem Film konnte man zudem erfahren, dass es unter iranischen Fans als Unterpfand ihrer Verbundenheit zum Metal gilt, sich neben Graffiti des Slayer-Schriftzugs fotografieren zu lassen. Ein gefährlicher Spaß, den Sänger Tom Araya lakonisch kommentierte: „Slayer in einem islamischen Land – das bedeutet Tod.“


Während sich Slayer auch außerhalb des Genres längst als Konsens-Band etabliert haben und für ihre Ausdauer und ihre Kompromisslosigkeit in regelmäßigen Abständen angemessene Würdigungen finden, wurde das virtuose Geknüppel von Amon Amarth, die beim Unholy-Alliance-Festival als zweiter Headliner antreten, jenseits der Metal-Presse dagegen bisher weitgehend ignoriert. Zu Unrecht. Wie viele ihrer Landsleute zeigen die fünf wackeren Schweden eine enorme Sensibilität für die Variationsmöglichkeiten des Genres, in dem sie sich bewegen. Wenn man so will, sind sie die ABBA des Death Metal. Sie haben eine melodiöse und mit Mitgröl-Refrains angereicherte Stadionvariante dieser extremen Spielart des Heavy Metal kultiviert, die sie unverwechselbar macht. Auf der Bühne sind die vollbärtigen Hünen ganz eins mit ihrer Musik, denn sie sehen aus, als wären sie nicht mit einem profanen Tourbus angereist, sondern mit einem Wikinger-Schiff aus den Nebeln der Vorzeit herbeigesegelt. Thematisch ist die Band, die sich nach dem Schicksalsberg aus der „Herr der Ringe“-Trilogie benannt hat, seit ihrer Gründung im Jahr 1992 in der Welt der nordischen Mythologie zu Hause.

Amonamarth by Micke Johansson

So beschäftigte sich das Album „Versus The World“, das kurz nach der Jahrtausendwende erschien, ausschließlich mit Ragnarök, dem Untergang der alten Welt. Nach einer desaströsen US-Tour standen Amon Amarth damals kurz vor der Auflösung, doch nach einem umjubelten Auftritt beim Wacken Open Air beschlossen sie, weiterzumachen. Mit zunehmendem Erfolg: Mit „Twilight Of The Thunder God“ erreichten die Schweden im September erstmals die Top Ten der deutschen Album-Charts. Passend zur blutigen Sagenwelt, die das Album heraufbeschwört, wurde sein Erscheinen von einem Comic begleitet: Die Texte setzen sich unter anderem mit den Wächtern von Asgard und dem letzten Gefecht des Donnergottes Thor auseinander, zu den musikalischen Höhepunkten zählen ein Duett des sympathischen Obergrunzers Johann Hegg mit dem Entombed-Sänger Lars Göran Petrov sowie ein Gastspiel des Doom-Streichquartetts Apocalyptica. Bei aller Vorliebe für Wikinger-Märchen pflegen die Schweden jedoch einen sympathischen Hang zum Purismus. Anders als zwielichtige Pagan-Bands wie Tyr oder Finntroll hüllen sie sich nicht in Felle oder Rüstungen, denn sie fühlen sich eher dem klassischen Heavy Metal britischer Prägung als irgendwelchem heidnischen Mumpitz verpflichtet. Wenn das Leben eine Schlacht ist, haben Slayer mit Amon Amarth ebenbürtige Mitstreiter gefunden.


Text: Heiko Zwirner

Unholy Alliance Chapter III,
mit Slayer, Amon Amarth, Trivium, Mastodon, Psychospank,
Columbiahalle, Mi 19.11., 19 Uhr, 49,50 Ђ


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