Konzerte & Party

Unterhaltungsprogramm schwarz-rot

Hagen LiebingNach den gerade beendeten Koalitionsverhandlungen zum neuen Berliner Senat haben es die Freunde von live aufgeführter Rockmusik nun vermutlich auch bald schriftlich: Sie sind lediglich ein Publikum zweiter Klasse.
„Insbesondere in den Sommermonaten sei es schade“, so Daniel Buchholz, Umweltpolitischer Sprecher der SPD, „dass bei den großen, zentralen und attraktiven Veranstaltungen und Bezirksfesten die Musikanlage bereits um 22 Uhr ausgeschaltet werden muss.“ Deshalb wolle die neue Koalition das Immissionsschutzgesetz ändern und die Lärmschutzgrenze bei einzelnen Kulturveranstaltungen im Freien lockern.  
Wenn nun aber bereits die Korken bei den Betreibern des Citadel Festivals, der Wuhlheide oder der Waldbühne geknallt haben sollten, dort also, wo sich Xavier Naidoo seine leisen Auftritte durch zu laute Klingeltöne im Publikum stören lassen muss, und wo Projektionswände immer seltener zum Einsatz kommen, weil die Musik schon endet, bevor es überhaupt dunkel geworden ist, dann hat man sich leider zu früh gefreut.
Berlins künftige rot-schwarze Regierung denkt hierbei nämlich lediglich an die Leuchttürme der Hochkultur, ans Klassik Open Air am Gendarmenmarkt etwa, oder an das Jazzfest auf dem Savignyplatz. Eine musikalische Oldtimerparade, denn nicht nur das Oeuvre ist – wenngleich honorige – Archivware, auch die künftig bevorzugten Besucher dieser Veranstaltungen gehören wohl eher zur betagten Kernwählerschaft der Konservativen.
Eine ziemlich rasante Kehrtwende, nachdem zu Beginn der Koalitionsverhandlungen vor ein paar Wochen noch ein „Musikboard“ und eine Hinwendung zur Populärkultur und Clubszene in Aussicht gestellt wurden.
Aber bereits Konrad Adenauer wusste ja zu bemerken: „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern. Nichts hindert mich, weiser zu werden“. In diesem Sinne lernt auch die Initiative „Musik 2020 Berlin“ wieder etwas dazu, die sich schon über eine zunehmende Anerkennung durch die Politik gefreut hat und nun sehen muss, dass wohl doch nur dort per Ausnahmegenehmigung länger aufgedreht werden darf, wo sich Klaus & Frank noch nicht ausreichend amüsiert haben.

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