Konzerte & Party

Unvergessliche Nächte im Berliner Nachtleben

Nick CaveNick Cave Meist hing ich in der Risiko Bar, im Ex’n’Pop und im Dschungel-Club ab. Die Risiko Bar in der Yorckstraße fand ich am besten, sie war voller Menschen, die ähnlich dachten wie ich. Blixa Bargeld war der Barkeeper. Es war für Leute wie mich der ultimative Treffpunkt.
Nick Cave ist australischer Sänger, Dichter, Autor, der in den 80ern in Berlin lebte (Zitat aus: „B.Z.“, 20.7.2013)

Heiko Zwirner Es war einer dieser trüben Novembertage, an denen sich das letzte Tageslicht schon um 14 Uhr verabschiedet. Ich war zu Besuch bei meinem Schulfreund Henrik, der gleich nach dem Abitur hergezogen war. Wir hatten billigen Rotwein getrunken, Döner mit scharfer Soße gegessen und zu heftiger Musik getanzt, die ich bisher nur aus Zeitschriften kannte. Bei einer Ausstellungseröffnung in der Rosenthaler Straße fragten wir uns, ob es sich bei den herumstehenden Objekten wohl um Kunstwerke, um Sitzgelegenheiten oder um Sperrmüll handelte. Es roch nach Gras, die Künstler trugen blaue Overalls und servierten Erbsensuppe in Bauarbeiterhelmen. Schlafen kam jetzt nicht infrage, es fühlte sich an, als würden wir nie wieder müde werden. Draußen schien sich seit Ende des Zweiten Weltkriegs wenig getan zu haben: Überall graubraune Fassaden, Autos waren nur vereinzelt zu sehen. „Wir gehen noch in den Eimer“, sagte Henrik. Im Keller dieser Bruchbude entluden sich die Bässe mit einer solchen Wucht zwischen Stroboskop-Blitzen und Trockeneisnebel, dass man fast den Eindruck haben konnte, der Sturm der Roten Armee auf Berlin sei noch in vollem Gange. Oben ging es ruhiger zu. Gegen vier Uhr morgens trat eine Band aus Hamburg vors Publikum, die sich die Allwissende Billardkugel nannte. Einer ihrer Songs ging so: „Komm, wir machen einen Krieg, wir machen eine Religion, bevor ich deinen Namen vergesse.“ Mir war klar, dass ich wiederkommen würde. Das nächste Mal für länger.
Heiko Zwirner, tip-Chefredakteur 2006–2012, ist Mitherausgeber von „Nachtleben Berlin“

AirenAiren Eine Besonderheit des Berliner Nachtlebens ist, dass es tagsüber stattfindet. Zum ersten Mal erlebte ich das im Sommer 2003, bei der „Blauen Stunde“ im Sternradio. In dem kleinen Club am Alexanderplatz trafen sich sonntags morgens die Clubgänger aus all den anderen Läden der Stadt. An diesem Tag machten Northern Lite ein Liveset und ich war für die Party extra früh aufgestanden. Im Sternradio herrschte nicht die aufgeheizte Atmosphäre der Nächte wie im Tresor oder im Casino, es war ein heiteres, ewig waches Feiern. Northern Lite zauberten eine unbeschwerte Stimmung, und wenn sie mal einen Übergang versauten, gab es ironische Pfiffe von der Tanzfläche. Es war nicht die intensivste, energetischste Party meines Lebens, aber vielleicht die schönste. Am Nachmittag sahen wir vom Garten aus den Berlin Marathon vorbeiziehen. Manch einer wäre beinah mitgerannt.
Airen, jahrelang Nachtlebenblogger und Schriftsteller („Strobo“), lebt in Mexiko

Rolf Eden 1999. Nie vergessen werde ich, als ich mit den Rolling Stones in meinem Rolls-Royce auf dem Kurfürstendamm unterwegs war. Immer wenn sie in Deutschland waren und in Berlin Station gemacht haben, sind die Stones danach in meine Clubs gekommen. An diesem Abend saßen wir in meinem schönen alten Rolls-Royce von 1936: Die Stones und ich, ein Chauffeur und zwei Damen waren auch dabei. Wir sind gemütlich den Kurfürstendamm hoch- und runtergefahren, ich hab ihnen alles gezeigt, eine kleine Stadtführung gemacht, und wir haben in allen meiner Clubs haltgemacht: im Big Eden, Old Eden, New Eden und dem Eden Playboy Club. Es stimmt, dass eines der Bandmitglieder damals in den Wagen gepisst hat – der nicht so schöne Teil der Erinnerung.
Rolf Eden ist Edel-Playboy, Ex-Clubbesitzer, Gesamtkunstwerk

Jürgen Laarmann Falco hat mal gesagt, wer sich an die 80er genau erinnern könne, sei nicht dabei gewesen, und das gilt natürlich für die 90er auch. So gesehen ist es auch egal, ob mein Wochenende mit Tresor, Plane oder schon E-Werk und mit oder ohne Zwischenstopp im Exit begann. Ich entsinne mich allein, dass ich mich sonntagnachts mit meinem Begleiter DJ Westbam recht strack im Magic Balloon wiederfand, jener blauen Kugel in der Budapester Straße, die kurz zuvor die neue Topdisco der Stadt werden sollte, was aber nie gelang. Deswegen hatte der Betreiber sich wohl überreden lassen, seine Location dem Techno-Afterhour-Publikum zu überlassen, welches zahlreich erschienen war, die Lasershow goutierte und die Schickidisco auseinandernahm, weswegen es dort nicht viele After Hours gab. Später wurde die Location dann ja zum Talkstudio von Sabine Christiansen. Als die Party im Magic Balloon vorbei war, dachten wir, es sei nun Zeit, mal was Sinnvolles zu machen, und mit circa drei Promille im Blut holten wir Westbams neuen Personalausweis am Montagvormittag auf dem Polizeirevier ab. Danach gingen wir sogar noch rotzedicht in die TU und nahmen an einer Vorlesung teil, um nach dieser skurrilen Feierunterbrechung doch noch Unterschlupf im Lipstick zu finden, dem letzten Laden, der noch offen hatte, sonst eigentlich eine Lesbendisco. Hier jedoch kamen sich alle Besucher wie die Besten der Besten vor, weil sie am längsten wach waren. Als ich in irgendein Taxi fiel, war es Dienstag, 15 Uhr.
Laarmann ist Journalist, Herausgeber („Frontpage“), Veranstalter

FuckfaceLuise Fuckface ?Es war in meiner ersten Zeit in Berlin, ganz am Anfang unserer Karriere. Unser damaliger „Manager“ bestellte uns zur Vertragsunterzeichnung morgens um sieben Uhr in den sagenumwobenen KitKatClub. Morgens um sieben Uhr feiern gehen? Davon hab ich doch noch nie was gehört, und schon gar nicht in so einer angeblichen „Bumshöhle“ wie dem KitKat. Ich hatte Angst. Würden mich die Menschen doof anfassen? Werde ich genötigt, dort irgendwas mit Penissen zu tun zu haben? Ich wollte ja berühmt werden, also musste ich wohl in den sauren Apfel beißen. Ich hatte einen Plan. Ich zog mir mein blaues Satinballkleid mit riesen Puffärmeln, ohne Taille und einer Riesenschleife am Arsch an, dazu meine blauen Plateauschuhe von KIK und malträtierte meine Haare mit dem Kreppeisen, bis ich aussah wie ein Pudel auf Ecstasy. Ich sah Scheiße aus. Ich war SAFE! So würden die mich NIEMALS reinlassen. Falsch gedacht. Schon am Einlass bekam ich die erste Nummer zugesteckt. Der Türsteher machte mir Komplimente und ich musste keinen Eintritt bezahlen. Ich dachte: Verdammt, was läuft in dieser Stadt falsch? Bei mir zu Hause hätte ich mit diesem Aufzug von den Nazis direkt auf die Fresse bekommen. Ich war DER Renner in diesem Club. In dieser Nacht lernte ich meinen Produzenten, meinen Freund (jetzt nicht mehr) und ein paar meiner besten Freunde kennen. Wir spielten mit The TCHIK zweimal darauf im KitKat, vor nackten Leuten. Und es war großartig!!! Nach wie vor einer meiner absoluten Lieblingsclubs.
Luise Fuckface ist Sängerin und Mitglied der Berliner Band Die toten Crackhuren im Kofferaum (TCHIK)

Weitere Nachtleben-Promis und ihre Erlebnisse in der Hauptstadt lesen Sie in unserer aktuellen Print-Ausgabe tip 21/13 auf den Seiten 32-43.

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Foto Nick Cave (oben): Votos – Roland Owsnitzki

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